Finanzlandesdirektion, Wien III

„Österreich wird nicht regiert, sondern verwaltet“, lautet ein bekanntes Bonmot aus der Zeit des Vormärz. Tatsächlich wurde in jenen Jahren – wie auch in anderen europäischen Staaten – im noch jungen österreichischen Kaiserreich unter der Ägide des Haus-, Hof- und Staatskanzlers Metternich der Verwaltungsapparat modernisiert und ausgebaut. Ein Ausbau, der nicht zuletzt auch die Errichtung entsprechender Amtsgebäude erforderlich machte und daher eine rege Bautätigkeit nach sich zog: In Wien entstanden etwa vor dem Stubentor, gleich außerhalb der damals noch bestehenden Stadtbefestigung, in rascher Folge das Hauptmünzamt (1835-1838), das Hauptzollamt (1840-1844, im Zweiten Weltkrieg zerstört) sowie die Finanzlandesdirektion (1841-1847). Alle drei dieser Bauten wurden von Paul Wilhelm Eduard Sprenger (1798-1854) geplant und zeigen die für ihn charakteristische extrem schlichte Variante klassizistischer Architektur.

So ist beim Gebäude der Finanzlandesdirektion gerade einmal die Sockelzone durch Rustizierung hervorgehoben und das zur Stadt hin ausgerichtete Hauptportal durch Pilaster, Freisäulen und allegorische Statuen von Verkehr, Industrie, Handel und Gewerbe etwas prägnanter ausgeformt. Ansonsten aber dominiert am ganzen Bau die glatte, ungegliederte Wandfläche, die von langen Reihen gleichförmiger Fenster überzogen ist. Mit ihren klaren, geraden Linien steht die Fassade heute in reizvollem Kontrast zu den geschwungenen Jugendstilformen des direkt davor gelegenen Zollamtsstegs, der hier seit dem Jahr 1900 den Wienfluß überquert.

Die reduzierte Formensprache seiner Bauten brachte Sprenger die Gunst des kaiserlichen Hofes und 1842 die Ernennung zum Leiter des Hofbauamtes – wohl nicht zuletzt, weil seine Entwürfe nicht nur in der Ästhetik sparsam, sondern auch in der Ausführung kostengünstig waren. Andererseits aber sah er sich vor allem in seinen späteren Jahren auch mit harscher Kritik konfrontiert: Vor allem die dekorfreudigeren Architekten der nachfolgenden Ringstraßenära wußten mit Sprengers strengem, ganz auf Zweckmäßigkeit ausgelegten Stil nur wenig anzufangen und verspotteten sein Werk als engstirnige ‚Beamtenarchitektur‘.

Eine Art von Rehabilitierung erfolgte erst im 20. Jahrhundert, als die Auseindersetzung mit der architektonischen Moderne Kritiker und Publikum zunehmend auch die ästhetischen Qualitäten von Sprengers ‚Reduktionsklassizismus‘ wahrnehmen und in ihm einen Wegbereiter funktionalistischer Architektur erkennen ließ. Und daß Sprengers Bauten ‚funktionieren‘, zeigt sich schon allein daran, daß die meisten von ihnen bis heute als Amtsgebäude genutzt werden. Aber gut, böse Zungen behaupten ja, daß Österreich auch heute nicht regiert, sondern bloß verwaltet wird…

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The building of the Finanzlandesdirektion (Regional Financial Directorate) in Vienna is one of several administration buildings erected in the 1830s and 1840s after plans by court architect Paul Wilhelm Eduard Sprenger (1798-1854). As is characteristic for Sprenger, the design shows a rather stern, inornate variety of neoclassicist architecture which today makes for an interesting contrast with the curved lines of the Zollamtssteg, an art-nouveau bridge across the Wien river situated right in front of the Finanzlandesdirektion’s main gate.

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