Presshaus, Zellerndorf (Niederösterreich)

Aus gegebenem Anlass hatte ich eigentlich geplant, heute hier einen der Bauten zu präsentieren, die ich am Sonntag im Rahmen des Tags des Denkmals besucht hatte. Allerdings führte mich meine Besichtigungstour am Sonntag vor allem ins niederösterreichische Weinviertel, und da war es beinahe unvermeidlich, dass ich auf dem Weg auch einen Abstecher in eine der für diese Region charakteristischen Kellergassen unternahm. Aber nachdem gerade Weinlesezeit ist, hat auch die Besprechung eines Presshauses ja durchaus so etwas wie einen aktuellen Anlass.

Wie der Name sagt, waren und sind Presshäuser zum Teil immer noch der Ort, wo die Weinpresse aufgestellt ist und wo nach der Lese die Trauben gekeltert werden. Zugleich dienen sie als Zugang zum eigentlichen Weinkeller, der direkt dahinter/darunter in den Hang gegraben ist. Meist befinden diese Presshäuser sich an Hohlwegen außerhalb der Ortschaften, wo in der Regel eine ganze Reihe von ihnen eine regelrechte Kellergasse bilden. Wie auch anderswo setzte die große Zeit der Kellergassen im Weinviertel erst ab Mitte des 19. Jahrhunderts ein, als in Folge der Bauernbefreiung von 1848 nun nicht mehr nur die Grundherren, sondern jeder einzelne Bauer einen eigenen Weinkeller anlegen konnte. Die dabei entstandenen Presshäuser folgen einem mehr oder weniger einheitlichen Bautyp: Es handelt sich um schlichte, weiß verputzte Ziegelbauten mit klaren, geradlinigen Formen und einer Giebelfassade mit Krüppelwalmdach.

Das Presshaus in der Kellergasse nördlich von Zellerndorf, das auf dem obigen Photo zu sehen ist, stellt allerdings in zeitlicher wie auch in ästhetischer Hinsicht einen Ausreißer dar. In zeitlicher Hinsicht, weil es noch vor dem Kellergassen-Boom des 19. Jahrhunderts entstanden ist: In der Mitte der Supraporte ist die Figur eines Trinkers gemalt und dazu die Jahreszahl 1811 – dabei handelt es sich aber augenscheinlich bereits um eine nachträgliche Ergänzung, die die ursprüngliche Malerei des Bildfeldes überdeckt. Tatsächlich legt die Formensprache des Gebäudes nahe, dass es noch aus der Zeit des Barock, wohl aus dem 18. Jahrhundert stammt. Die geschwungenen Formen der Fassade und die Pilaster mit Stuckdekor, aber auch der farbige Verputz setzen es auch ästhetisch deutlich vom Gros der späteren Presshäuser ab. Auf den ersten Blick erinnert der kleine Bau daher fast ein wenig an eine Kapelle. Das liegt aber wohl in erster Linie daran, dass die große Zahl erhaltener Kapellen aus dem Barock unsere Sehgewohnheiten und Erwartungshaltungen stark geprägt haben, während wohl die wenigstens schon einmal einem barocken Presshaus begegnet sind. Und schließlich machen auch das massive (wenn auch nicht originale) Tor sowie die Holzverkleidung des Giebels unmissverständlich klar, dass es sich hier doch um ein landwirtschaftliches Gebäude handelt.

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At first glance, this building looks like one of the innumerous Baroque chapels one finds all over Austria. What it really is, though, is a Presshaus [wine press house]. Usually located outside of the village, this type of structure was built to house a wine press and the entrance to the wine cellar located right beneath it. Most wine press houses were only built from the 19th century onwards in a very basic architectural style, so this relatively elaborate Baroque one, presumably dating to the 18th century, really is something of a rarity.

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Eine Antwort zu Presshaus, Zellerndorf (Niederösterreich)

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