Rinnböck-Kapelle, Simmeringer Friedhof, Wien XI

Friedhofsbesuch

Zugegeben, originell ist es nicht gerade, aber da nun einmal Allerheiligen ist, drängt es sich einfach auf, den heutigen Eintrag einer Grabkapelle zu widmen. Dabei fiel mir die Auswahl nicht unbedingt leicht, denn schon allein der Wiener Zentralfriedhof ist ja voll mit solchen Familiengrüften und Mausoleen aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, und ein großer Teil davon ist architektonisch ausgesprochen spannend. Etwas überspitzt könnte man sagen: Die ganze Architekturgeschichte der Wiener Ringstraßenzeit läßt sich auf dem Zentralfriedhof gleichsam im Kleinformat nachvollziehen, bildete das Familienmausoleum damals doch neben dem Stadtpalais den wichtigsten Repräsentationsbau der städtischen Oberschicht.

Vor und zum Teil auch noch nach der Eröffnung des Zentralfriedhofs im Jahr 1874 entstand aber auch eine ganze Reihe bedeutender Grabbauten auf den alten Wiener Pfarrfriedhöfen, und die Rinnböck-Kapelle auf dem Simmeringer Friedhof ist sicherlich eine der sehenswertesten davon. Errichtet wurde sie 1869 im Auftrag von Josef Rinnböck, einen Simmeringer Unternehmer und Gemeinderat, der sich nicht zuletzt durch die Errichtung günstiger Arbeiterwohnungen verdient machte. Für den als Rinnböck’sche Familiengrablege konzipierten Bau wurde eine neugotische Formensprache gewählt. Die Gotik galt im 19. Jahrhundert als besonders sakraler Baustil und wurde daher häufig für Kirchenbauten eingesetzt, war deshalb aber auch für Mausoleen vor allem um die Mitte des 19. Jahrhunderts mehr oder weniger Standard. Erst mit der vollen Entfaltung des Historismus kam es dann ab den 1870ern auch im Bereich der Grabbauten zu immer größerer Stilvielfalt. Nicht nur die Lage in einem Pfarrfriedhof, sondern auch die neugotische Formensprache weisen die Rinnböckkapelle somit als ein Produkt des frühen Historismus aus.

Obwohl der Rinnböckkapelle damit innerhalb der Wiener Friedhofsarchitektur ein besonderer Stellenwert zukommt, stand es bis vor kurzem um ihre Erhaltung eher schlecht: Von Pflanzen überwuchert, mit großflächig abbröckelndem Verputz, präsentierte sie sich noch vor zwei, drei Jahren in einem Zustand romantischen Verfalls. Ästhetisch war das zwar ausgesprochen reizvoll, doch leider ist es nur ein kleiner Schritt von romantisch verfallen zu akut einsturzgefährdet. Die im Vorjahr begonnene und heuer abgeschlossene Restaurierung war daher dringend notwendig und hat den Bau nun wieder in einen Zustand zurückgeführt, der Josef Rinnböcks ursprünglicher Intention entspricht. Nicht zuletzt kommen nun auch die aufwendigen architektonischen und skulpturalen Details erst wieder recht zur Geltung; sie reichen von Maßwerkrosetten über krabbenbesetzte Wimperge bis hin zu dekorativen Pseudo-Wasserspeiern an den Eckfialen. Kurz, die Baumeister haben hier so richtig in die Gotikkiste gegriffen und fast alles an Zierformen herausgekramt, was dieser Stil zu bieten hat…

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Built in 1869 for wealthy entrepreneur Josef Rinnböck, the Rinnböck Chapel served as the Rinnböcks‘ family mausoleum. It was designed in the Gothic Revival style which, from the mid-19th century onwards, was highly popular for church buildings but also for mausoleums of the upper-class. After a recently completed restoration, it is now once again possible to observe the fine craftsmanship of the elaborate neo-gothic details on the chapel, ranging from window tracery and pinnacles to an array of gargoyles on the corners.

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