„Winterhaus“, Wien I

Es bleibt winterlich…

…wenngleich es diesmal mehr ins Detail geht. Wien ist ja eine jener Städte, in denen es sich immer lohnt, mit offenen Augen durch die Straßen zu gehen und den Blick auch schon einmal ein wenig nach oben wandern zu lassen. Über den Schaufensterfronten im Erdgeschoß kann man dabei an so mancher Fassade spannende Dekorationselemente entdecken. Ein Paradebeispiel dafür ist das Haus Tuchlauben 20, wo an der Ecke zur Landskrongasse in einer aufwendig gestalteten Nische eine Skulptur präsentiert wird, die eine Personifikation des Winters darstellt. Das Gebäude selbst wurde 1902 in den damals gängigen Formen des späten Historismus errichtet, die Statue aber stammt bereits vom Vorgängerbau und ist wesentlich älter, allem Anschein nach aus der Zeit des späten Mittelalters.

Tatsächlich scheint das Haus auf dieser Parzelle schon 1415 unter der Bezeichnung „Winterhaus“ in den Quellen auf, und es ist anzunehmen, dass die Winterfigur bereits zu jenem Zeitpunkt als eine Art Hauszeichen an der Fassade angebracht war. Damals befand sich das Gebäude im Besitz des reichen Tuchhändlers Michel Menschein. Ihm gehörte auch das Haus direkt gegenüber, auf Tuchlauben 19, das zu seiner Zeit „Sommerhaus“ genannt wurde. Ob es auch dort eine entsprechende Figur am Außenbau gab, lässt sich heute nicht mehr feststellen, da die Straßenfront im Barock komplett erneuert wurde. Erhalten haben sich im Inneren des „Sommehauses“ dagegen die bekannten Neidhart-Fresken, die um 1400 wohl im Auftrag des genannten Michel Menschein entstanden und heute als Außenstelle des Wien Museums besichtigt werden können.

Frei sichtbar, aber weit weniger beachtet ist der „Wintermann“ auf der anderen Straßenseite. Die Figur folgt einer im Mittelalter weit verbreiteten Darstellungsweise, wie man sie bei Allegorien des Winters findet, vor allem aber in den weit häufigeren Monatsbilderzyklen, wo im Jänner- oder Februarbild in der Regel ein sich am Feuer wärmender Mann zu sehen ist. Auch die mit Mantel und Fellmütze bekleidete Männergestalt am Wiener „Winterhaus“ hat zu ihren Füßen ein Kohlebecken, an dem sie sich bzw. genauer gesagt ihre freiliegenden Genitalien zu wärmen sucht. (Ein Motiv, das übrigens sehr ähnlich im Februarbild der berühmten Très Riches Heures vorkommt.) In Anbetracht der um 1900 herrschenden rigiden Sexualmoral ist es einigermaßen erstaunlich, dass man diese doch etwas freizügige Figur an so öffentlicher Stelle anbringen ließ. Dass man es dennoch tat, lag ganz gewiss an der Altehrwürdigkeit der Skulptur. Immerhin schwelgte man schon damals gerne in der nostalgischen Vorstellung vom „alten Wien„, und bei vielen Neubauten der Gründerzeit wurden aus diesem Grund allenfalls vorhandene Hauszeichen von Vorgängerbauten wiederverwendet. Wenn man so will, handelt es sich hier also um eine ostentative Form der Traditionspflege. Oder kritischer formuliert: Um das Vorgaukeln von Tradition und Kontinuität, obwohl man doch eigentlich tabula rasa gemacht und von Grund auf neu gebaut hatte.

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The facades of Vienna’s houses are often rich in detail, and if one takes the time to look at them more closely, one can make many an interesting discovery. Today’s post shows one of them: A sculpture of a man in a fur hat and cloak, warming himself at a brazier, found on the house Tuchlauben 20 in the old town. While the house only dates to 1902, the sculpture is much older, presumably from the late Middle Ages. It can be identified as a personification of winter, and indeed, as early as 1415 the house in this spot is referred to as „Winterhaus“ [Winter House].

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2 Antworten zu „Winterhaus“, Wien I

  1. Gabi schreibt:

    Sehr interessant. Da hab ich nun viel Neues dazu gelernt.
    LG Gabi

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