Wotrubakirche, Wien XXIII

An sich besteht das Anliegen dieses Blogs ja darin, eher unbekannte, übersehene, oft auch sehr alltägliche Gebäude aus der näheren und ferneren Vergangenheit ins Bewusstsein zu rücken. Heute sei aber einmal eine Ausnahme gemacht und ein durchaus prominenter Bau besprochen, die Kirche zur Heiligsten Dreifaltigkeit am Georgenberg in Wien-Mauer, besser bekannt als Wotrubakirche.

Es handelt sich hier um eines der zu Recht berühmtesten Werke der österreichischen Architektur nach 1945. Bestehend aus scheinbar zufällig aufeinandergetürmten, in verschiedenste Richtungen auskragenden Betonblöcken, stellt die Wotrubakirche eines der wenigen Beispiele für die Architektur des Brutalismus in Österreich dar. Doch mit dem Etikett des Brutalismus allein wird man dem Bau nicht gerecht. Denn ihre markante tektonische Ausformung verdankt die Kirche ganz wesentlich dem Umstand, dass sie nicht von einem Architekten, sondern von einem Bildhauer entworfen wurde, eben von Fritz Wotruba (1907 – 1975), dessen Namen sie zumindest in der Umgangssprache bis heute trägt. In seinen jüngeren Jahren einen eher klassizierenden Stil pflegend, wandte sich Wotruba in der Nachkriegszeit mehr und mehr einer ausgesprochen kubistisch geprägten Formensprache zu, und tatsächlich wirkt die 1965 begonnen Kirche in Mauer in erster Linie wie ein gebautes Stück Kubismus. In der praktischen architektonischen Umsetzung seines Konzepts wurde Wotruba vom Architekten Fritz Gerhard Mayr (geb. 1931) unterstützt – dieser führte den Bau auch 1976, ein Jahr nach Wotrubas Tod, zu Ende.

Nun sind diese Dinge alle gut bekannt und in zahlreichen Architekturführern – sowohl auf Papier als auch im Internet – nachzulesen. Wenn ich den Bau nun trotzdem auch hier behandle, so liegt das an etwas ganz Elementaren, nämlich am Wetter. Im Ernst, der ungewöhnlich viele Schnee der letzten Tage lässt die Kirche zwar nicht, wie man gerne sagt, in einem neuen Licht erscheinen, trägt als neutrale Kontrastfolie aber wesentlich dazu bei, dass ihre bekannten plastisch-tektonischen Qualitäten noch deutlicher zu Tage treten als sonst. Fast könnte man sagen, durch den Schnee wird eine Art natürlicher White Cube geschaffen, also einer jener vollständig weißen Räume, wie sie von Galeristen und Museumsleuten so gerne zur Präsentation vor allem moderner und zeitgenössischer Kunst verwendet werden. Nun glaube ich nicht unbedingt, dass der White Cube jenes ausstellungstechnische Allheilmittel ist, für den manche ihn nach wie vor halten, aber gerade bei einem Werk wie der Wotrubakirche trägt dieses Prinzip tatsächlich zur Steigerung der ästhetischen Wirkung bei: Jetzt, wo die ganze Umgebung von Schnee bedeckt ist, lenkt nichts von den ausgeprägten Formen der Architektur ab und man könnte glatt vergessen, dass man es mit einem Gebäude zu tun hat, das von Menschen betreten und genutzt wird, und nicht einfach mit einer etwas groß geratenen Skulptur.

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The Church of the Most Holy Trinity in Mauer, on the outskirts of Vienna, was designed by Fritz Wotruba (1907 – 1975) and built with the help of architect Fritz Georg Mayr from 1965 to 1976. Wotruba himself, however, was not an architect but a sculptor, a fact that is clearly visible in the building’s overt spatial qualities. Reminiscent of Wotruba’s cubism-inspired sculptural work as well as of brutalist architecture, this is one of the most extraordinary pieces of 20th century architecture in Austria.

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2 Antworten zu Wotrubakirche, Wien XXIII

  1. zeichenundspuren schreibt:

    Sichtbeton empfinde ich ja eigentlich als grausames, eben „brutales“ Baumaterial, aber die Wotrubakirche, diese rätselhafte architektonische Einmaligkeit „macht was draus“ – Sehr schöne Fotos btw.

    • c. n. opitz schreibt:

      Ich muß sagen, daß ich’s eigentlich auch nicht so mit Sichtbeton habe, aber irgendwie bin ich seit einiger Zeit doch dabei, die Architektur des Brutalismus sozusagen für mich zu entdecken. Trotzdem finde ich die Vorstellung, in so einem brutalistischen Betonbau wohnen, arbeiten oder auch nur sonntags dem Gottesdienst beiwohnen zu müssen, zugegebenerweise nicht unbedingt verlockend…

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