Dogenhof, Wien II

Karneval

Fasching ist, und dazu passend ein Wiener Gründerzeithaus, das sich dem Anlass entsprechend als venezianischer Palazzo verkleidet zu haben scheint. Es handelt sich um den 1896-1898 von Carl Caufal ursprünglich als Hotel errichteten Dogenhof in der Praterstraße. Innerhalb der historistischen Architektur Wiens stellt dieser Bau ein Kuriosum dar, da hier nicht einfach nur allgemeine Stilelemente vergangener Epochen aufgegriffen, sondern zwei ganz konkrete historische Bauwerke in Details kopiert werden. Zum einen ist das natürlich der Dogenpalast in Venedig, an den nicht nur der Name des Neubaus erinnert, sondern auch dessen Portal: Die architektonische Umrahmung des Eingangs und ganz besonders die Skulpturengruppe mit einer vor dem Markuslöwen knienden Dogenfigur über der Tür zitieren in zwar vereinfachter, aber doch recht getreuer Form die Porta della Carta am Dogenpalast.

Die das Gesamtbild der Fassade bestimmenden Maßwerkloggien in den Hauptgeschoßen des Wiener Dogenhofes sind hingegen von der sogenannten Ca‘ d’Oro abgeschaut, einem der berühmtesten Palazzi am Canal Grande. Wie auch die Porta della Carta wurde Letztere im zweiten Viertel des 15. Jahrhunderts von Bartolomeo Buon geschaffen. Ihre zum Kanal hin gelegene Hauptfassade ist mit verschiedenfarbigem Marmor verkleidet, einzelne Baudetails waren ursprünglich vergoldet. Mit diesem materiellen Reichtum kann es das Wiener Imitat bei Weitem nicht aufnehmen. Im Gegenteil: Was hier so zu tun versucht, als wäre es italienischer Marmor, ist nichts anderes als gewöhnlicher Zementguss. Wobei, so gewöhnlich, wie sie uns heute erscheint, war diese Technik um 1900 noch gar nicht, zumindest nicht in der Fassadengestaltung, wo Natursteinverkleidungen die Norm waren. Tatsächlich ist der Dogenhof einer der ersten, manche behaupten der erste reine Betonbau Wiens.

Bei aller Modernität in der Materialwahl ist der Dogenhof in seiner äußeren Erscheinung jedoch reinste Nostalgie. Mit dem Rückbezug auf das Venedig der Renaissance bedient er die Klischees der schon damals beträchtlichen Italiensehnsucht der Wiener Bevölkerung. Er ist daher in eine Reihe zu stellen mit der Strauss-Operette Eine Nacht in Venedig (1883) oder dem Themenpark Venedig in Wien, der 1895 im Wiener Prater eröffnet worden war. Auf mehreren tausend Quadratmetern hatte man dort venezianische Palazzi nachgebaut und mit einem künstlichen Wasserlauf umgeben, auf dem man in original-venezianischen Gondeln spazieren fahren konnte. Dieser Wiener Miniaturausgabe der Lagunenstadt war rasch großer Erfolg beschieden, und der Bau des Hotels Dogenhof ist wohl in unmittelbarem Zusammenhang damit zu sehen: Nur drei Gehminuten vom Eingang des Themenparks entfernt, bot der Dogenhof auswärtigen Gästen die ideale Gelegenheit, das ‚Venedig-Erlebnis‘ über den Besuch des Praters hinaus auszudehnen.

Die Strahlkraft von Venedig in Wien begann allerdings bereits wenige Jahre nach der Eröffnung wieder zu verblassen. Im Jänner 1916 schließlich wurden alle bis dahin noch bestehenden Bauteile der mittlerweile aus der Mode gekommenen Attraktion abgerissen, um der Wiener Kriegsausstellung Platz zu machen. Geblieben sind eine Handvoll alter Photographien – und eben der Dogenhof in der Praterstraße als letzte architektonische Erinnerung an den kurzlebigen Versuch, ein Stück Venedig nach Wien zu holen.

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Seeing as it is Carnival, here is a Viennese town-house ‚dressed up‘ as a Venetian palazzo. The so-called Dogenhof [Doge’s Court] in the Praterstraße was built in 1896-1898 by Carl Caufal and borrows heavily from both the Doge’s Palace and the Ca‘ d’Oro in Venice. It seems to have been connected with a nearby attraction, Venedig in Wien [Venice in Vienna], one of the world’s first theme parks comprising of imitations of Venetian palazzi and even including an artificial canal with authentic Venetian gondolas.

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