Ehm. Passauer-Hof, Stockerau (Niederösterreich)

Seit dem Mittelalter verfügte das Bistum Passau über beträchtlichen Grundbesitz im heutigen Österreich, vor allem in den niederösterreichischen Weinbaugebieten. In allen einigermaßen bedeutenden Städten der Region, aber auch in einigen Dörfern, unterhielt das Hochstift Passau daher Wirtschaftshöfe, die als Lager- und Handelshäuser, als Sitz der lokalen Verwaltungsbeamten, aber auch als Quartier für hochrangige Gäste und bei Bedarf auch für den durchreisenden Bischof selbst dienten. Es handelt(e) sich also um Gebäude, die einem primär praktischen Zweck dienten, bis zu einem gewissen Grad aber auch Repräsentationsansprüchen zu genügen hatten.

In Stockerau wurden in der frühen Neuzeit gleich zwei Gebäude vom Passauer Hochstift erworben, beide am Rand der Altstadt, direkt an der Donau, also in guter Verkehrslage: 1542 das Kastenamt, das im 19. Jahrhundert grundlegend umgestaltet wurde, 1608 dann auch dessen Nachbarhaus, das bis heute als Passauer-Hof bekannt ist. Fast genau hundert Jahre später – der Schlussstein des Portals zeigt die Jahreszahl 1709 – wurde dieses Gebäude unter Bischof Johann Philip von Lamberg in barocken Formen erneuert, wenn nicht sogar von Grund auf neu errichtet. Die Fassadengestaltung entspricht dem, was auch bei zeitgenössischen Bürgerhäusern üblich war: Rustizierte Bänder im unteren Geschoß, Pilastergliederung im oberen, dazwischen plastisch ausgeformte Fensterrahmungen und Parapete. Das Wandfeld über dem Portal ist durch eine den Fenstersturz bekrönende Skulpturengruppe der Dreifaltigkeit besonders hervorgehoben. Heute leere Figurensockel links und rechts dieses Fensters erinnern überdies daran, dass hier ursprünglich noch weitere Statuen, nämlich ein Hl. Florian und eine Immaculata, angebracht waren.

Was diese an sich eher konventionelle Fassade dann aber doch spannend macht, ist die Art, wie es dem namentlich nicht bekannten Architekten gelingt, eine eigentlich asymmetrische Gliederung optisch beinahe symmetrisch erscheinen zu lassen. Da der Bau an der Straßenseite über sechs Fensterachsen verfügt, gibt es de facto keine Mittelachse – allerdings sind die drei rechten Achsen deutlich breiter als die drei linken, sodass die durch Portal und Skulpturenschmuck ausgezeichnete dritte Achse von rechts zumindest annähernd in der Mitte der Fassade liegt. Bei nur flüchtiger Betrachtung erweckt sie daher durchaus den Eindruck einer ‚richtigen‘ Mittelachse und lässt einen die Unregelmäßigkeiten der Fassade beinahe übersehen.

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From the Middle Ages onwards, the bishops of Passau were among the most important landowners in Lower Austria and therefore kept administrative buildings in most of the region’s cities. One of them was the still so-called Passauer-Hof [Passau Court] in Stockerau, built in 1709 in the Baroque style. Even though the facade consists of six window axes, due to its asymmetry it appears as if the portal actually marked a central axis, further emphasised by the remains of sculptural decoration on this part of the facade.

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