Neumühle, Mannswörth (Niederösterreich)

Kaiserlicher Besuch

An den Ufern der Schwechat, östlich von Wien, hat sich bis heute eine große Anzahl alter Mühlen erhalten, wenngleich viele von ihnen in jüngerer Zeit verändert, zum Teil auch zu Schlössern ausgebaut wurden. Zu den noch relativ unverfälscht überlieferten dieser Anlagen zählt die Neumühle in Mannswörth, die auf alten Karten auch unter der Bezeichnung Augustiner-Mühle aufscheint. Wie dieser Name schon sagt, war sie im Besitz des Augustinerklosters (heute: Rochuskirche) auf der Landstraße in Wien. Nachgewiesen ist die Neumühle seit dem 17. Jahrhundert, der heutige Bau stammt allerdings erst aus den Jahren 1720-1723. Nach außen zeigt sich das Gebäude als ausgesprochen schlicht und funktional, lediglich am Giebel erhält die Fassade durch flache Pilaster einen repräsentativen Anstrich.

Bei aller architektonischen Anspruchslosigkeit ist die Neumühle doch in historischer Hinsicht ausgesprochen bemerkenswert, und das liegt an der Gestalt des Frater Benignus, der die Mühle im frühen 18. Jahrhundert für das Augustiner-Kloster verwaltete. Schon während des Baus, den Benignus in der Funktion eines ‚Gebäudeinspectors‘ betreute, kam es nämlich zu einer folgenreichen Begegnung zwischen dem Frater und Kaiser Karl VI. Die Aulandschaft um Mannswörth zählte damals zu den bevorzugten Jagdrevieren des Kaisers, nicht zuletzt, weil sie nahe genug an Wien war, um nach beendeter Jagd noch am selben Tag in die Stadt zurückkehren zu können. Als Karl VI. nun einmal im Jahr 1722 auf der Hirschjagd in der Nähe der Neumühle Rast machte, näherte sich ihm der Frater Benignus und bot ihm Brot, Bier und Wein an. Nach Rücksprache mit dem Forstmeister nahm der zunächst misstrauische Kaiser die Gaben an, unterhielt sich mit dem Frater und beschenkte diesen im Gegenzug mit Geld und einem frisch erlegten Hirschen. Auch bei späteren Jagden des Kaisers in der Gegend – noch bis kurz vor seinem Tod im Jahr 1740 – wiederholte sich dieses Spiel, und im Lauf der Jahre scheint sich eine geradezu vertraute Beziehung zwischen dem Kaiser und dem klösterlichen Mühlenverwalter aufgebaut zu haben.

Dass wir über diese Vorgänge so gut Bescheid wissen, liegt daran, dass der offenbar nicht ganz uneitle Frater Benignus einen schriftlichen Bericht über seine Begegnungen mit dem Kaiser verfasst hat, der sich in einer Handschrift der Universitätsbibliothek Graz erhalten hat. Diese Aufzeichnungen stellen ein wichtiges Zeitdokument dar, zeigen sie doch Karl VI. von einer erstaunlich privaten Seite, die sich in den übrigen historischen Quellen kaum greifen lässt.

Über die Neumühle, die den Schauplatz dieser Begegnungen abgibt, verliert der Frater allerdings nur wenige Worte. Immerhin, bei einem Zusammentreffen im Jahr 1726 erkundigte sich der Kaiser nach der Mühle und fragte gewissermaßen wie die Geschäfte laufen. Benignus – der wie weiland Caesar von sich in der dritten Person schreibt – schildert die Begebenheit so:

Nun ereignet es sich einmal, dass der Kaiser in dieser Gegend auf der Jagd war. Der Frater kennt schon von weitem seine Leut, kommt zu dem Kaiser und sagt: ‚Gelobt sei Jesus Christus‘. Der Kaiser sagt: ‚In Ewigkeit, nun was machst du (…)?‘ Er redt von der Wirtschaft, fragt den Frater, was und für wen er mahlen thut. Dieser sagt: für I. Maj. Unterthanen, die Bauern und wer halt herkommt. Der Kaiser: ‚Könnten wir auch allda mahlen lassen?‘ Der Frater: Ja, I. Maj. stünde die ganze Mül zu Diensten.*

Von ganz besonderem Interesse ist schließlich eine Begebenheit aus dem Jahr 1740: Spielten sich die Begegnungen zwischen dem Frater und dem Kaiser üblicherweise in freier Natur vor der Mühle ab, so kam es in jenem Jahr zum ersten (und einzigen) Mal zu einem Besuch des Kaisers in der Mühle. Die Beschreibung, die Benignus davon gibt, gewährt zumindest einen kleinen Einblick ins Innere des Mühlengebäudes und nennt en passant etwa mehrere Porträts, welche die Wände des Repräsentationssaals schmückten:

Anno 1740 den 5. September speiste Ihre Majestät der Kaiser allhier zum ersten Male (…). [U]m 2 Uhr kommt der Kaiser (…) daher gefahren. Wir läuten mit unserer grossen Glocken und warten ihm auf bis an die Stiegen hinauf. Vor dem Essen geht der Kaiser etwas in dem Saale auf und ab. Der Edelknab zeigte dem Kaiser sein Cunterfait und sagt: ‚Sehen Ihre Majestät?‘ Der Kaiser lacht darüber und sagt: Ja, das ist ein Poet. Er geht dann hinüber auf die andere Seit, schaut den Papst Benedikt an und meinte, das ist ein braver Mann gewesen. Bei dem Papst Clemens sagte er: ‚den habe ich selbst gekannt‘. Er ging darauf zu dem Essen. (…)

Ihre Majestät speiste in dem Saale, die Cavaliere seitwärts in dem Zimmer, die Forstmeister rückwärts und von den Edelknaben bediente der eine oder andere den Kaiser. (…) Die Speisen wurden alle zugedeckt aufgetragen (…), eine um die andere, bis gegen 40 Speisen. Ganz auf die Letzt kommt erst ein Spanferkel. Der Kaiser sagt: ‚das ist brav‘, fragt aber den Doktor, ob er ein Schwein essen dürft. Der Doktor antwort: ‚Ihro Majestät, das ist halt nicht gesund‘. Der Kaiser aber sagt: ‚Du bist ein Narr, du weisst nicht, was gut ist‘, schneidet den Kopf selbst ab und isst ihn schier ganz zusammen.**

Rund sechs Wochen nach diesem Mahl in der Mannswörther Neumühle starb Karl VI. in Wien. Ob es vielleicht doch am Spanferkel lag?

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* Zit. nach: Adam Wolf, Kaiser Karl VI. und Frater Benignus, in: Archiv für Österreichische Geschichte 60, 1880, S. 1-18, hier: S. 7-8.

** Ebd., S. 14-16.

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An old mill, built in 1720-1723, in Mannswörth, just east of Vienna. This is only one of many mills in the area, but certainly one of the best-preserved. It belonged to the convent of the Augustinian Hermits in Vienna who, in the early 18th century, had endowed one Frater Benignus with its administration. As it happened, this Benignus became acquainted with the Emperor Charles VI. who frequently went hunting in the woods around the mill, and in 1740 the Emperor even had an elaborate dinner in the mill.

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