Arbeiterkrankenkasse, Wien III

Eckumrundung (2)

Ich kann es mir nicht verkneifen, dem spätmittelalterlichen Bürgerhaus aus meinem letzten Post nun eine Inkunabel der Wiener Moderne gegenüberzustellen: die nach Plänen von Fritz Judtmann und Egon Riss 1927 fertiggestellte Arbeiterkrankenkasse an der Ecke Traungasse/Strohgasse. Es ist doch erstaunlich, wie sehr die Ecklösungen der beiden Gebäude einander – trotz des zeitlichen Abstands von mehr als 400 Jahren – gleichen. Gewiss, bei dem Wiener Beispiel ist alles ein wenig größer und monumentaler, und die Detailformen sind andere. Aber wie hier jeweils die oberen Geschoße über die unteren hervorkragen, sich fast über die ganze Fassadenbreite dynamisch zur Ecke ziehen und dort in einem halbrunden turmartigen Aufbau aufgehen, ist dem Prinzip nach doch recht ähnlich.

Damit soll freilich nicht suggeriert werden, es bestünde ein direkter Zusammenhang zwischen den beiden Bauten. Zwar finden sich im Wien der 1920er gerade im kommunalen Wohnbau immer wieder Anklänge an die Architektur des Mittelalters (am prominentesten wohl beim Rabenhof), die Gestaltung der Arbeiterkrankenkasse durch Judtmann und Riss ist aber bedingungslos modern. Die durch den Risalit erzeugte Dynamisierung der Fassade symbolisiert hier Fortschritt und Erneuerung, wie sie von der sozialistischen Stadtregierung propagiert wurden.

Daneben visualisiert die prägnante Gestaltung der Fassade aber auch die funktionale Aufteilung im Inneren – doch auch dieses Sichtbarmachen der Funktion am Außenbau zählt zu den Kerngedanken modernen Bauens. Während in den beiden unteren Geschoßen des Krankenkassengebäudes ein Ambulatorium eingerichtet war, beherbergten die oberen, vorkragenden Bauteile die Räume der Verwaltung, mit einem großen Sitzungssaal im obersten Geschoß des Rundbaus. Aufgrund dieser Raumeinteilung wird der auffällige Eckaufbau immer wieder als „Kommandobrücke“ beschrieben. Eine Bezeichnung, die deutlich macht, dass die hier gewählte Ecklösung bei aller Modernität auch eine recht althergebrachte Funktion erfüllt: als Herrschaftssymbol, ganz in der Tradition von Ecktürmen früherer Jahrhunderte.

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One of the landmarks of modern architecture in Vienna, the building of the Arbeiterkrankenkasse [Workingmen’s Health Insurance] in the 3rd district was built in 1927 by architects Fritz Judtmann and Egon Riss. It is well-known for its dynamic facade design culminating in a rounded projection on the corner of Traungasse/Strohgasse. It is surprising to note, though, that for all its modernity, this protruding, semi-circular treatment of the corner is remarkably similar to that in the late medieval town-house featured in my previous post.

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2 Antworten zu Arbeiterkrankenkasse, Wien III

  1. zeichenundspuren schreibt:

    Für Wien sicher ein wichtiger moderner Bau, erinnert formal stark am Mendelsohns Kaufhaus Petershoff in Breslau – aber diese „Schiffsrumpfform“ war damals wohl weit verbreitet. Übrigens ist das schönste Beispiel für Mittelalter-Reminiszenzen im Wiener Gemeindebau für mich der Thury-Hof im 9. Bezirk!

    • c. n. opitz schreibt:

      Vielen Dank für den Hinweis auf das Kaufhaus Petershoff – ist schon ein sehr spannender Vergleich, v.a. weil man sieht, wie sehr (trotz ähnlicher Formen) aufgrund der unterschiedlichen Materialen jeweils ein ganz anderer Eindruck entsteht.

      @ Thury-Hof: Ja, schon ein sehr sehenswerter Bau, auch wenn mein persönlicher Favorit in dieser Hinsicht doch der kleine, gleich neben dem Rabenhof gelegene Marianne-Hainisch-Hof ist… (Der wird übrigens gerade renoviert. Ich denke, wenn die Arbeiten abgeschlossen sind, werde ich das zum Anlaß nehmen, ihm hier einen eigenen Beitrag zu widmen.)

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