Rathaus, Rottenmann (Steiermark)

In den letzten Posts war viel die Rede von Holzbauten und alten Mauern, wie man sie auch in einem Genrebild aus der Zeit des Biedermeier finden könnte. Es ist also höchste Zeit, zur Abwechslung mal wieder etwas Moderneres in den Blick zu nehmen. Dafür können wir auch gleich am Ort des vorigen Beitrags, Rottenmann, bleiben: Vom zuletzt besprochenen Stadttor sind es nur zwei oder drei Gehminuten bis zum Rathaus, einem Bau des frühen 20. Jahrhunderts. Dieses ist übrigens nicht nur für sich spannend, sondern auch ein gutes Beispiel dafür, dass man Informationen aus dem Internet nicht immer trauen sollte bzw. dass man die angegebenen Quellen einer Information stest nachprüfen sollte. (Wobei das Problem natürlich kein Internet-spezifisches ist: Auch in gedruckten Büchern, nicht zuletzt in Reiseführern, ist so manche Falschinformation zu finden!)

Eine sehr nützliche und üblicherweise auch sehr zuverlässige Online-Ressource ist das in Zusammenarbeit mit dem Bundesdenkmalamt entstandene Denkmallisten-Portal auf Wikipedia. Die Zuverlässigkeit ergibt sich, nebenbei gesagt, auch dadurch, dass bei vielen Beiträgen einfach die entsprechenden Einträge aus den Dehio-Handbüchern wörtlich übernommen wurden, wenn auch häufig ohne diese Quelle explizit zu nennen. Wie dem auch sei, geht man zur Liste der denkmalgeschützten Objekte in Rottenmann und scrollt hinunter zum Rathaus, so liest man, dieses sei „1912 bis 1913 nach Plänen des Architekten Heinrich Dauner aus Bruck an der Mur im Jugendstil errichtet“ worden (Stand 29. Juli 2013 / UPDATE 12. März 2014: Der Wiki-Eintrag wurde mittlerweile korrigiert, vgl. die untenstehenden Kommentare). Um dies zu belegen, ist eine Fußnote eingefügt, in der auf die seinerzeit bedeutende Fachzeitschrift Der Bautechniker, genauer gesagt auf die Ausgabe vom 15. November 1912, S. 1159-1161, verwiesen und verlinkt wird. Tatsächlich findet sich dort ein Entwurf Heinrich Dauners für das Rottenmanner Rathaus, und in dem zugehörigen Text erfährt man:

„Vorliegendes Projekt war laut Protokoll des Preisgerichtes mit noch 19 Entwürfen in engerer Wahl von 102 eingelaufenen Arbeiten. Das Preisgericht bezeichnet diese 19 Entwürfe als sehr gelungene Lösungen.“

Es handelt sich also nur um einen von vielen Entwürfen. Davon, dass dieser auch zur Ausführung gelangte, ist nicht die Rede. Wirft man dann auch noch einen Blick auf die in dem Artikel abgebildten Planzeichnungen Dauners, so wird vollends klar, dass sein Entwurf nichts mit dem Gebäude zu tun hat, das heute in Rottenmann zu sehen ist.

Dieses folgt vielmehr den Plänen des Wiener Architekten Josef Hofbauer (1875-1936), der damit in den Jahren 1912-1914 einen seiner ersten wichtigen Bauten realisieren konnte. Gegenüber Dauners eher kleinteiligem, an Renaissance und Barock angelehntem Entwurf, zeichnet sich Hofbauers Konzept durch größere Klarheit und Monumentalität aus. Auch wenn in den Details die Anleihen beim Jugendstil der Wagner-Schule unverkennbar sind, steht vor allem die Hauptfassade stark in der Tradition neo-klassizistischen Bauens.

Dominierendes Element ist eine monumentale Pilaster-Reihe, die sich im Sinne einer Kolossalordnung über alle Geschosse erstreckt. Ja, man kann sogar den Eindruck gewinnen, die Pilaster würden die Dachtraufe durchbrechen und ihren Abschluss erst in jenen skulptierten Halbfiguren finden, welche die Attikazone des Gebäudes zieren.

Diese Figuren repräsentieren verschiedene Handwerke, Gewerbe und Industrien, die für die Bergbau- und Industriestadt Rottenmann von Bedeutung waren. Ausgeführt wurden sie von dem Bildhauer Wilhelm Gösser (1881-1966), einem gebürtigen Leobner, der nach Ausbildung in Wien vor allem in Graz und der Steiermark tätig war. Ähnlich wie der Architekt Hofbauer stand auch Gösser noch am Beginn seiner Karriere, als er in/für Rottenmann tätig wurde – erst 1912 hatte er sein Studium an der Wiener Akademie der Bildenden Künste abgeschlossen.

Von Gösser stammt auch die Skulptur des Heiligen Georg am Rathausturm. Trotz der moedernen Formgebung stellt diese Figur eine deutliche Verbindung zur Vergangenheit her: Als Schutzheiliger der Bergleute war Georg in der Region schon seit Jahrhunderten von Bedeutung, und auch die älteste Kirche Rottenmanns war (und ist) ihm geweiht. [Update, Juli 2017: Bei der Figur handelt es sich wohl doch nicht um den Hl. Georg, sondern um den Roten Mann, einen mythischen Drachentöter, auf den einer Sage nach der Name des Orts zurückgehen soll. Vgl. die Diskussion in den Kommentaren. Womit übrigens wieder einmal bewiesen wäre, dass sich bei allem Bemühen um Zuverlässigkeit auch hier manchmal Fehler einschleichen ;-)]

Und überhaupt stellt natürlich auch der Turm an sich als Zeichen städtsicher Herrschaft ein ausgesprochenes traditionelles Element dar, das seit dem späten Mittelalter zum festen Bestandteil von Rathausarchitektur gehörte. Das Rathaus von Rottenmann ist in seiner baulichen Gestalt also keineswegs von radikaler Modernität, sondern präsentiert sich als gelungene Neufassung einer traditionellen Bauaufgabe in den modernen Formen des Jugendstils.

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With its prominent tower, the town hall of Rottenmann follows a traditional pattern of town hall design, yet with its art-nouveau details it is a surprisingly modern piece of architecture. It was built in 1912-1914 by Viennese architect Josef Hofbauer (and not by Heinrich Dauner as Wikipedia claims). Its sculptural decoration is by Wilhelm Gösser.

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5 Antworten zu Rathaus, Rottenmann (Steiermark)

  1. Earnest B schreibt:

    Danke für den Beitrag und den damit verbundenen Bezug auf den im wiki-Artikel von mir vorschnell eingetragenen „Beleg“! – Korrektur habe ich bereits vorgenommen.
    Earnest B (wiki-User).

    • Earnest B schreibt:

      Sei’s drum: Ref war gar nicht von mir. – Auf jeden Fall danke!
      Earnest B

    • c. n. opitz schreibt:

      Danke für den Hinweis – ich habe einen entsprechenden Vermerk im obigen Beitrag ergänzt.
      Und, wie oben erwähnt, prinzipiell finde ich diese Wiki-Artikel ausgesprochen hilfreich, und ich bin wirklich jedem denkbar, der sich die Mühe macht, sie mit Information zu füllen! Im konkreten Fall muß ich rückblickend betrachtet eigentlich sogar für den Fehler dankbar sein, denn ohne ihn wäre ich vermutlich gar nicht auf den Alternativentwurf von Dauner aufmerksam geworden, und gerade den Vergleich zwischen den Projekten Dauners und Hofbauers finde ich extrem spannend.

  2. C. Krenn schreibt:

    Es wird sich bei der Statue am Rathausturm eher nicht um einen Hl. Georg handeln, sondern diese nimmt Bezug auf die „Namenssage“ von Rottenmann. Der „Rote Mann“ als Drachentöter. Vgl. wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Rottenmann

    • c. n. opitz schreibt:

      Danke für den Hinweis! Das klingt natürlich absolut plausibel. Ich fürchte, da bin ich das Opfer einer gewissen kunsthistorischen Betriebsblindheit geworden, die einen Drachentöter quasi automatisch als Hl. Georg identifiziert. Und vermutlich hat auch der Umstand, dass ich eigentlich in Rottenmann war, um die Wandmalereien in der Georgskirche anzuschauen, meine Gedanken in diese Richtung gelenkt… Aber ein „Hl. Georg“, der statt einer Rüstung nur mit einem knappen Lendenschurz bekleidet ist, hätte mir natürlich trotzdem suspekt vorkommen müssen. Jetzt, wo der Schwarzenegger grad wieder mal überall groß in den Medien ist, erinnert mich die Skulptur ja sogar ein bisschen an Conan den Barbaren ;-)

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