Zacherlfabrik, Wien XIX

Ein Stück vom Orient in Döbling

Die Zacherlfabrik in Wiens 19. Bezirk ist der vielleicht bekannteste architektonische Geheimtipp der Stadt, spätestens wohl seit sie es aufs Cover des Buchs Unbekanntes Wien geschafft hat. Zwar zählt sie nicht unbedingt zu den Hauptwerken historistischer Baukunst in Wien, als vielleicht einziger Vertreter des Orientalismus stellt sie in der Architektur des Wiener Fin de siècle aber doch ein ausgesprochen bemerkens- und sehenswertes Kuriosum dar.

Der Name des Gebäudes verweist zum einen auf dessen ursprüngliche Funktion als Fabrik für Insektenpulver, zum anderen auf dessen Bauherren und Erstbesitzer, den Industriellen Johann Evangelist Zacherl. Dieser ließ das Bauensemble von 1888 bis 1892 nach Plänen von Hugo von Wiedenfeld (1852-1925) und Karl Mayreder (1856-1935) errichten. Aufsehenerregend ist vor allem das zur Nußwaldgasse hin gelegene Verwaltungsgebäude: Das imposante Portalmotiv in der Mittelachse, die darüber angebrachte Kuppel und die beiden minarett-artigen Türmchen sowie nicht zuletzt der Dekor aus glasierten Ziegeln greifen deutlich auf die Architektur des safawidischen Persien, wie etwa die Königsmoschee in Isfahan, zurück.

Obwohl die Zacherlfabrik architektonisch daher stark an eine Moschee erinnert, waren die Architekten offensichtlich darauf bedacht, religiöse Symbolik im engeren Sinn zu vermeiden. Die beiden Pseudo-Minarette etwa werden nicht von den bei einer Moschee zu erwartenden Halbmonden, sondern von unverfänglichen Phantasiesymbolen bekrönt. Tatsächlich erfolgte die Wahl des orientalisierenden Baustils auch aus gänzlich weltlichen Motiven: Das in der Fabrik produzierte Insektenpulver – das mit großem Erfolg in die ganze Welt exportierte Zacherlin – wurde im Wesentlichen aus den getrockneten Blüten verschiedener Arten von Wucherblumen hergestellt, und diese wurden eben aus dem Gebiet des alten Persien importiert. Völlig zu Recht wird die Zacherlfabrik daher auch immer wieder mit der etwas jüngeren Yenidze Zigarettenfabrik in Dresden verglichen, wo ebenfalls auf orientalische Bauformen zurückgegriffen wurde, um auf den Herkunftsort des dort verarbeiteten Tabaks hinzuweisen.

Es gibt also einen guten (oder zumindest einen nachvollziehbaren) Grund dafür, dass in Wiens 19. Bezirk eine alte Fabrik steht, die aussieht wie eine persische Moschee. Dennoch fragt man sich bei ihrem Anblick unweigerlich, ob angesichts des gegenwärtigen politischen Klimas ein Bau wie dieser in Österreich auch heute noch möglich wäre. Ich habe, ehrlich gesagt, so meine Zweifel… Aber, um mit etwas Erfreulicherem zu enden: In den Sommermonaten finden in der Zacherlfabrik seit einigen Jahren Ausstellungen zeitgenössicher Kunst sowie Konzertabende statt. Ein Besuch lohnt sich also nicht nur wegen der Architektur – Informationen zum aktuellen Programm gibt es hier.

UPDATE 2016: Der Ausstellungs- und Konzertbetrieb wurde mittlerweile leider eingestellt. Auf der oben verlinkten Website gibt es daher auch kein aktuelles Programm mehr zu sehen, man findet dort aber nach wie vor Infos zur Geschichte der Fabrik und sehenswerte historische Fotos.

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The Zacherlfabrik (Zacherl’s Factory) in Vienna’s 19th district is a rare example of Moorish Revival architecture in Austria. It was built by architects Hugo von Wiedenfeld (1852-1925) and Karl Mayreder (1856-1935) for waelthy entrepreneur Johann Evangelist Zacherl from 1888 to 1892. The product which had made Zacherl rich and which was produced in his factory was Zacherlin, an insecticide made from the dried flower heads of Tanacetum coccineum and Chrysanthemum cinerariifolium, flowers that were grown in and imported from Persia – hence the choice of an architectural style inspired by the buildings of Safavid Persia.

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3 Antworten zu Zacherlfabrik, Wien XIX

  1. Bedeutungsgewebe schreibt:

    Hat dies auf Bedeutungsgewebe rebloggt und kommentierte:
    während meiner Recherche über Orient oder orientalische Einflüsse in Österreich, sei es im Kunst oder Kulturbereich, stieß ich auf diesen Beitrag. Mein nächstes Ziel in Wien wird wohl Döbling sein.

  2. Bedeutungsgewebe schreibt:

    Danke für den Tipp, ich musste es sofort rebloggen :)

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