Zacherlhaus, Wien I

Ich vermeide ja an sich gerne das allzu Naheliegende und Offensichtliche, aber heute will ich mal eine Ausnahme machen: Wer in der Wiener Architekturgeschichte einigermaßen bewandert ist, wird schon geahnt haben, dass auf den vorigen Post zur Zacherlfabrik eigentlich nur das Zacherlhaus folgen kann.

Fällt die Fabrik mit ihrer orientalisierenden Bauweise eher in die Rubrik der Kuriositäten, so zählt das rund 15 Jahre jüngere Zacherlhaus zu den bedeutendsten Bauwerken der beginnenden Moderne in Wien. Es wurde in den Jahren 1903 bis 1905 an der Brandstätte in der Wiener Innenstadt errichtet, wo es nicht nur als Stadtresidenz der Familie Zacherl diente, sondern auch als Firmensitz des familieneigenen Betriebs, der das Insektenpulver Zacherlin mittlerweile in der ganzen Welt vertrieb und von Konstantinopel bis Philadelphia Niederlassungen unterhielt. Geplant wurde der monumentale Bau von dem aus Slowenien stammenden Josef Plecnik (1872-1935), der in Wien bei Otto Wagner (1841-1918) studiert hatte und hier mit dem Zacherlhaus sein erstes Hauptwerk schuf.

Als zukunftsweisend, geradezu revolutionär hat man am Zacherlhaus zu Recht die Verwendung eines Rasters aus Stahlbetonträgern bezeichnet. Gleichzeitig aber wirkt in der Art, wie dieses Gerüst an der Fassade mit Granitplatten verkleidet ist, noch Gottfried Sempers (1803-1879) „Bekleidungstheorie“ fort. Diese einflussreiche Theorie, wonach die Fassade das tektonische Gerüst eines Gebäudes umhülle wie ein Textil, war im Übrigen auch noch für Wagners berühmte Wiener Postsparkasse (1903-1906) von grundlegender Bedeutung. Dieser Zusammenhang ist insofern wenig überraschend als Wagners Sparkassengebäude und das Zacherlhaus seines Schülers Plecnik weitgehend zeitgleich entstanden. Während allerdings Wagners Bauten bei aller Monumentalität meist hell und leicht wirken, verleihen die grauen Granitplatten dem Zacherlhaus einen vergleichsweise schweren, düsteren Charakter. Verstärkt wird dieser noch durch das massive, nun vollends schwarze Kranzgesims, das den oberen Abschluss bildet.

Getragen wird dieses Gesims von einer dichten Reihe wuchtiger, muskulöser Atlanten, die der Bildhauer Franz Metzner (1870-1919) schuf. Leichter wirkt demgegenüber die Bronzefigur des Erzengels Michael im unteren Teil der Fassade. Sie stammt von Ferdinand Andri (1871-1956) und zeigt im Detail die für die Wiener Secession charakteristische Ornamentik.

Das Sujet des Erzengels Michael, der den Teufel besiegt, wurde in Anspielung an jenes Produkt gewählt, das die Familie Zacherl reich gemacht hatte: Das schon erwähnte Insektenvernichtungsmittel Zacherlin, das – gerade so wie Michael dem Teufel – allem Ungeziefer den Garaus zu machen versprach. Die nicht mundfaulen Wiener gaben der Skulptur denn auch prompt den Namen „Wanzentöter“. Aber was will man auch erwarten in einer Stadt, in der die Kuppel der Secession als „Goldenes Krauthappel“ betitelt wurde?

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Fifteen years after the Zacherlfabrik discussed in my last post, the Zacherl family commissioned the so-called Zacherlhaus (1903-1905) in Vienna’s inner city. The impressive building served both as the family’s city home and as an office building for the Zacherls’ company which by then was operating on an international level. It was designed by Slovenian born architect Josef Plecnik (1872-1935), a student of Otto Wagner, while the sculprural decoration on its facade was executed by Ferdinand Andri (the figure of St. Michael) and Franz Metzner (the atlantes carrying the cornice on top of the building).

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2 Antworten zu Zacherlhaus, Wien I

  1. Sanne schreibt:

    Bin über die Pratercottage auf diesen Blog gekommen. Endlich, nach mehr als einem Jahr, finde ich die Berichte, die mich wirklich interessieren.
    Zu Zacherl: Leider existiert das Geschäftsportal am Bauernmarkt nicht mehr. Wenn es Sie interessiert kann ich Ihnen die Seite aus „Der Architekt“ mailen.
    Beste Grüße – S

    • c. n. opitz schreibt:

      Vielen Dank für den netten Kommentar :-)
      Über die Seite zum Geschäftsportal des Zacherlhauses würde ich mich natürlich freuen. Meine Mail-Adresse finden Sie unter „About“…

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