Gartenpavillon, Schloss Schrattenthal (Niederösterreich)

Tag des Denkmals 2013 (I)

Der September neigt sich dem Ende zu, und die Meisten, die ein Interesse an Bau- und anderen Denkmälern haben, wissen wohl, was das bedeutet: Der Tag des Denkmals steht vor der Tür. Diesen Sonntag, 29. September, werden wieder zahlreiche Bauten, Museen und Fundstätten, die sonst nicht oder nur eingeschränkt zugänglich sind, für interessierte Besucherinnen und Besucher geöffnet sein und zum Teil auch ein Rahmenprogramm mit Sonderführungen anbieten. Fast 300 Objekte in ganz Österreich stehen diesmal im Programm, sodass die Auswahl, welche(s) davon man besuchen soll, gar nicht so leicht fällt. Wenn ich allerdings eine persönliche Empfehlung abgeben müsste, dann würde ich allen, für die es nicht zu weit ist, einen Besuch auf Schloss Schrattenthal im Weinviertel ans Herz legen (Informationen zu Anfahrtsweg und Öffnungszeit gibt es hier).

Ich selber war bereits beim letztjährigen Tag des Denkmals dort und hatte eigentlich nur eine kurze Stippvisite geplant, um einen Blick auf die spätgotische Schlosskapelle zu werfen. Nun ist tatsächlich schon diese Kapelle allein einen Besuch wert (wie man in diesem Post vom letzten Jahr nachlesen kann) – wie sich herausstellte hat das Schloss aber noch viel mehr zu bieten. So kam es, dass ich schlussendlich fast den ganzen Nachmittag in Schrattenthal verbrachte und die weitläufige Schlossanlage mit Wirtschafts-, Wohn- und Wehrbauten aus Mittelalter, Renaissance und Barock erkundete.

Der Bauteil, der mich von allem am meisten faszinierte, war freilich gar nicht einmal die beeindruckende Kapelle, sondern der jüngste Teil der ganzen Anlage, ein eher schlichter Gartenpavillon aus dem frühen 19. Jahrhundert. Genau genommen stammt allerdings auch dieser aus dem Mittelalter: Wie vor allem auf dem zweiten Foto gut zu erkennen ist, handelte es sich ursprünglich um einen Rundturm, der Teil der Schlossbefestigung war. Dieser wurde im Zeitalter der Romantik als Sommerhaus adaptiert und dem Geschmack der Zeit entsprechend in so etwas wie neugotischer Formensprache umgebaut.

Von Neugotik im eigentlichen Sinn kann hier allerdings kaum die Rede sein. Mit gotischer Architektur hat dieser Bau nicht mehr gemeinsam als die spitzbogige Form von Türen und Fenstern, die eher versatzstückartig zur Anwendung gebracht wurde. Wie etwa die horizontalen Gesimse und die Form des Giebelaufsatzes deutlich machen, ist die Grundstruktur des Ganzen wesentlich stärker von den Traditionen des Klassizismus geprägt als vom Rückgriff auf das Mittelalter. In dieser Mischung aus Klassizismus und ahistorischer Pseudo-Gotik erweist sich der Gartenpavillon in Schrattenthal als ein typischer – aber in Österreich eigentlich recht seltener – Vertreter der Romantik in der Architektur.

Es scheint denn auch nur passend, dass sich mit Nikolaus Lenau einer der wichtigsten österreichischen Dichter der Romantik wiederholt auf Schloss Schrattenthal aufhielt. Man wüsste nur zu gern, ob er dabei auch schon in den Genuss des Gartenpavillons kam – für diesen sind allerdings keine Baudaten überliefert, sodass sich nicht mehr sagen lässt, ob er bei Lenaus Besuchen in den Jahren 1822 und 1824 bereits bestand. Erstmals erwähnt wird der Pavillon erst 1835 in Franz Xaver Schweickhardts Darstellung des Erzherzogthums Oesterreich unter der Ens (Viertel unterm Manhartsberg. 6. Band: Ronthal bis Schönborn). Schweickhardt beschreibt ihn als „ein mit dem Wappen des jetzigen Herrschaftsbesitzers versehenes Sommerhaus, bei welchem sich der sogenannte Tempelgarten befindet, der gute Obstbäume und vorzügliche Weinreben enthält“ (S. 107). Der Hinweis auf das (heute nicht mehr sichtbare) Wappen des damaligen Besitzers lässt immerhin darauf schließen, dass die Adaption des alten Turmes erst erfolgte, nachdem das Schloss im Jahr 1802 von den Grafen von Attems-Heiligenkreuz erworben worden war.

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In a previous post, I already discussed the beautiful late medieval Castle Chapel of Schrattenthal Castle in Lower Austria. This time, the topic of my post is one of the castle’s medieval towers which was turned into a garden pavilion sometime in the early 19th century. In accordance with the Romantic taste of the era, the old tower was adapted in what was then considered to be a neo-Gothic style, but despite the use of ogive arches the overall design of the building is actually more indebted to neo-classicism than to the Middle Ages.

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