Filialkirche St. Georg, Rottenmann (Steiermark)

Mein faszinierendes Kulturerlebnis

Die Überschrift sagt es schon: Dieser Post ist mein Beitrag zur Blogparade „Mein faszinierendes Kulturerlebnis, die unlängst von der Kunst-, Kultur- und Museums-Bloggerin Tanja Praske ins Leben gerufen wurde. Gefragt sind Berichte und Reflexionen zu schönen Kulturerlebnissen in der nun vergangenen Ferienzeit, und das gibt mir die Gelegenheit, den gewohnten thematischen Rahmen dieses Blogs zur Abwechslung mal ein wenig zu erweitern. Es geht hier ja in der Regel um mehr oder weniger alte Gebäude und deren Geschichte, deren Erbauer und einstige Bewohner, nur sehr am Rande hingegen um die Menschen, die man heute in ihnen antrifft, oder um das, was mir bei meinen Besichtigungen so widerfährt.

In gewissem Sinne bietet dieser Beitrag daher auch so etwas wie einen Blick hinter die Kulissen dieses Blogs (eine Art Making-Of, wie man das heute wohl nennt), vor allem aber schlicht und einfach eine nette kleine Geschichte… Ort der Handlung ist die Stadt Rottenmann in der Steiermark, der ich Anfang Juli einen Besuch abstattete. Manche erinnern sich ja vielleicht: Ich habe hier damals schon über das letzte erhaltene Stadttor und über das Jugendstil-Rathaus von Rottenmann geschrieben. Was mich aber eigentlich an den Ort führte, waren die gotischen Wandmalereien in der kleinen Georgskirche im Vorort St. Georgen, da diese unmittelbar für mein derzeitiges Forschungsprojekt von Relevanz sind.

Radmartyrium des Hl. Georg, Wandbild aus der Zeit um 1310 in der Filialkirche St. Georg, Rottenmann. Aufgrund des schlechten Erhaltungszustandes sind heute fast nur noch die Umrisslinien der Figuren zu sehen, was vor allem dem Ritter links das Aussehen einer Comicfigur verleiht…

Die außerhalb der Stadtmauer gelegene Kirche wurde beim Einfall der Osmanen im Jahr 1480 schwer beschädigt. Beim anschließenden Wiederaufbau wurde in dem eigentlich romanischen Bau ein weit herabreichendes spätgotisches Netzrippengewölbe eingezogen, das heute den Raumeindruck wesentlich bestimmt. Einen Raumeindruck, den zu erleben freilich gar nicht so einfach ist: Wie viele solcher alter Kleinkirchen ohne Pfarrfunktion wird auch die Georgskirche von Rottenmann schon lange nicht mehr liturgisch genutzt und ist daher üblicherweise verschlossen. Wer den Innenraum und seine Wandmalereien besichtigen möchte, muss sich daher erst einmal den Schlüssel organisieren. Was an sich nichts Ungewöhnliches ist. Bei den meisten versperrten Kirchen liegt der Schlüssel für interessierte Besucherinnen und Besucher im Pfarrhof, im Gemeindeamt oder im örtlichen Tourismusbüro auf – bei Kirchen außerhalb des Ortskerns erhält man ihn aber häufig einfach im nächsten Haus neben der Kirche.

Als ich in Rottenmann vor verschlossener Kirchentür stand, läutete ich daher auf gut Glück an der Tür des Nachbarhauses. Geöffnet wurde mir die Tür von einer Frau, wohl Mitte 50, die offensichtlich gerade damit beschäftigt war, ihre etwa vierjährige Enkeltochter zu betreuen. Wie sich herausstellte, hatten sie tatsächlich einen Kirchenschlüssel in Verwahrung, und bereitwillig begleiteten mich Großmutter und Enkelin zur Kirche, um mir aufzuschließen und dann geduldig zu warten, bis ich alles gesehen und die Wandmalereien für mein Archiv abfotografiert hatte. Weil der Kleinen dabei natürlich schnell die Zeit zu lang wurde, schickte die Großmutter sie hinaus auf die Wiese um die Kirche, um die wilden Walderdbeeren zu pflücken, die dort unter Büschen und Bäumen wuchsen und gerade reif geworden waren. Als das Mädchen dann nach einer Weile mit den Erdbeeren zurückkam, bot sie auch mir welche davon an, und so kam ich nicht nur in den Genuss gotischer Wandmalereien, sondern ganz unverhofft auch in den Genuss frischer Walderdbeeren.

So, das war dann auch schon die Geschichte, die ich erzählen wollte. Sie ist zugegeben nicht weiß Gott wie spektakulär, aber gerade dadurch passt sie ja auch irgendwie zu diesem Blog, geht es hier doch meistens um das eher Abgelegene und nicht ganz so Spektakuläre, um das Unscheinbare und nicht ganz so Berühmte. Vor allem aber war es eine Begebenheit, die mich wirklich berührt hat. Zum Teil lag das sicher schlicht und einfach daran, dass mich das kleine Mädchen an meine Nichte erinnerte, die gerade im gleichen Alter ist. Zum Teil wohl auch daran, dass mich wilde Erdbeeren immer an einen meiner Lieblingsfilme denken lassen. Zum größten Teil lag es aber daran, dass ich hier wildfremde Menschen aus ihrer Wochenendruhe geklingelt hatte, aber anstatt sich deshalb gestört zu zeigen, schenkten mir diese nicht nur ihre Zeit, sondern auch noch einige dieser süßen wilden Erdbeeren, wie man sie in keinem Supermarkt zu kaufen kriegt. Und das machte diese Kirchenbesichtigung für mich zu etwas ganz Besonderem.

In diesem Sinne versteht sich dieser Blog-Post auch als ein virtuelles Dankeschön an all die privaten Hüterinnen und Hüter von Kirchenschlüsseln, denen ich im Lauf der Jahre schon begegnet bin und sicher auch zukünftig begegnen werde – durch ihr persönliches Engagement werden für mich und zahlreiche andere Kunstinteressierte Kulturerlebnisse in vielen Fällen überhaupt erst möglich.

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5 Antworten zu Filialkirche St. Georg, Rottenmann (Steiermark)

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  2. tanjapraske schreibt:

    Lieber Christian,

    wunderbar – herzlichen Dank für diesen famosen Beitrag zur Blogparade!
    Fühlte mich ein zeitlich zurückversetzt. In Frankreich klingelte ich auch häufiger an Haustüren an, damit mir die Pfarrkirchen aufgeschlossen werden. Hat immer geklappt und die zwischenmenschlichen Erlebnisse waren unvergesslich.
    Ich denke, Walderdbeeren werden für dich immer mit dem Mädchen verbunden bleiben – wunderschön!
    Nochmals – merci beaucoup für diesen Bericht!

    Herzlich,
    Tanja

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