Ehm. Siechenhaus, Feldkirch (Vorarlberg)

Fachwerk (I)

Nachdem schon der vorige Beitrag einen Rückblick auf den Sommer enthielt, sei hier gleich noch ein weiterer Bau nachgetragen, an dem ich im August auf dem Weg in die Schweiz vorbeikam: Das ehemalige Siechenhaus in Feldkirch, Vorarlberg.

Nun lässt sich bekanntlich trefflich darüber streiten, inwieweit Vorarlberg überhaupt zu Österreich gehört. In politischer Hinsicht ist die Zugehörigkeit heute natürlich unbestritten, aber aus historisch-kultureller Sicht erscheint die Sache schon komplizierter. Sprachlich etwa zählt das Vorarlbergische definitiv nicht zu den bairisch-österreichischen Dialekten, sondern zu den schwäbisch-alemannischen. Und auch was die traditionellen Bauformen und -materialien betrifft, hat Vorarlberg weit mehr mit der Schweiz und Baden-Württemberg gemeinsam als mit dem übrigen Österreich. Das Feldkircher Siechenhaus stellt eines der markantesten Beispiele dafür dar, handelt es sich hier doch um einen Fachwerkbau. Nicht ungewöhnlich mag man denken,  aber während Fachwerkhäuser in weiten Teilen des süddeutschen Raums – von der Schweiz und dem Elsass über Schwaben bis nach Franken – weit verbreitet sind, fehlen sie in der traditionellen Architektur Altbayerns und Österreichs, d.h. Österreichs eben mit Ausnahme Vorarlbergs.

Gegründet wurde das Feldkircher Siechenhaus im 14. Jahrhundert als Leprosenspital. Wie damals bei Spitalsbauten üblich, wurde es aufgrund der Ansteckungsgefahr ein gutes Stück außerhalb des Stadtkerns, weit vor den Mauern (im heutigen Vorort Levis) errichtet . Aus dieser Gründungsphase stammt wohl auch noch die dazugehörige Magdalenenkirche (im Foto rechts zu sehen), in deren Innerem sich bedeutende Wandmalereien des 15. Jahrhunderts erhalten haben.

Der heute bestehende Bau des eigentlichen Siechenhauses mit dem erwähnten Fachwerk in den oberen Geschoßen dürfte dagegen um einiges jünger sein. Selbst wenn Tourismusbroschüren und -websites auch diesem gern ein Alter von 700 Jahren bescheinigen, dürften seine ältesten Teile de facto erst aus dem späten 16. oder dem frühen 17. Jahrhundert stammen.* Das ist auch insofern plausibel, als man von der Magdalenenkirche weiß, dass sie 1557 bei einem Brand schwere Schäden erlitt. Es ist daher naheliegend, dass auch das danebengelegene Siechenhaus dabei schwer beschädigt, wenn nicht vollkommen zerstört wurde, umso mehr, als wohl auch der mittelalterliche Spitalsbau zu einem großen Teil in Holzbauweise errichtet worden war. Die Annahme eines Neubaus in den Jahren kurz vor oder nach 1600 ist also alles andere als abwegig.

Im weiteren Verlauf des 17. Jahrhunderts folgten dann noch einige Um- und Anbauten, die dem Siechenhaus seine endgültige Gestalt verliehen. Wenn auf der Website der heute in dem Gebäude untergebrachten Jugendherberge und anderswo behauptet wird, es handle sich um einen mittelalterlichen Bau, dann ist das also nicht ganz zutreffend. Das dort postulierte Alter von 700 Jahren lässt sich korrekterweise lediglich auf die Gründung des Spitals als Institution, nicht aber auf den bestehenden Bau beziehen. Dass es sich, wie weiter behauptet, um eine der schönsten Jugendherbergen Europas handelt, lässt sich hingegen nicht in Abrede stellen…

* Normalerweise verzichte ich ja auf Fußnoten, aber in diesem Fall erscheint es mir doch geboten, die Quelle für die wiedergegebene Information zu nennen: Österreichische Kunsttopographie, Band 32: Die Kunstdenkmäler des politischen Bezirkes Feldkirch, bearbeitet von Dagobert Frey, Wien 1958, S. 41.

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The former Siechenhaus [Leper Hospital] in Feldkirch, Vorarlberg, was founded in the 14th century, but the extant building only dates to the late 16th or early 17th century. With its timber-framed facade it is a rather exceptional piece of architecture within the boundaries of modern day Austria: Timber-framed houses usually don’t feature in traditional Austrian architecture, and they only appear in Vorarlberg, the country’s westernmost region, bordering on Switzerland and Baden-Württemberg where timber-framing was more common.

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