Villa Hoyos, Pörtschach am Wörthersee (Kärnten)

Fachwerk (II)

Ich hatte letzte Woche geschrieben, dass Fachwerkhäuser in der traditionellen Architektur Österreichs (mit Ausnahme Vorarlbergs) nicht vorkommen. Sehr bewusst hatte ich dabei das Wort „traditionell“ verwendet, denn die Situation änderte sich markant, als es im Rahmen des sogenannten Heimatstils am Ende des 19. Jahrhunderts zu einem regelrechten Fachwerk-Boom kam. Der nicht ohne Grund auch als Schweizerhaus- oder Fachwerk-Stil bekannte Heimatstil bediente sich im Sinne einer romantischen Idealisierung des Ländlich-Urtümlichen gerne Elementen alpiner Bauernarchitektur, aber auch „altdeutscher“ Bauformen, wie eben dem Fachwerk. Verwendung fand diese Spielart des Historismus vor allem in der Sommerfrische-Architektur, also bei Hotelbauten und Landvillen.

Derartige Villenbauten konzentrieren sich dementsprechend dann auch besonders in den seinerzeit beliebten Ferienregionen, nämlich zum einen im Rax- und Semmeringgebiet an der Grenze zwischen Niederösterreich und der Steiermark, zum anderen am Wörthersee in Kärnten. Voraussetzung war in beiden Fällen der Ausbau des Eisenbahnnetzes, durch den ab 1854 der Semmering, ab 1864 dann auch der Wörthersee mit der Reichshauptstadt Wien verbunden wurde.

Ein besonders monumentales Beispiel für die Architektur des Heimatstils am Wörthersee ist die Villa Hoyos knapp außerhalb von Pörtschach. Sie wurde um 1895 von einem (namentlich nicht bekannten) französischen Architekten errichtet. Wenngleich sie nicht direkt am Seeufer gelegen ist, so boten aufgrund ihrer dominanten Hanglage wohl zumindest die in Fachwerk ausgeführten Obergeschoße dereinst einen hervorragenden Blick auf den Wörthersee. (Ob man diese Aussicht auch heute noch hat, lässt sich von außen schwer sagen – vor Ort hatte ich den Eindruck, dass die seit 1895 doch etwas gewachsenen Bäume inzwischen vielleicht den Blick verstellen.)

Bauherr der Villa war, wie der Name suggeriert, Ladislaus Maria Graf von Hoyos. Auch nach dem Tod des Grafen (1901) und seiner Frau (1920) blieb die Villa noch im Besitz der Familie. Das erhellt aus einem Brief, den kein Geringerer als Rainer Maria Rilke 1924 an die Tochter des Grafen, Maria Theresia von Hoyos (verheiratet Gräfin Mirbach-Geldern-Egmont), schrieb:

„Wie schön aber, daß Sie noch mit Kärnthen zusammenhängen; ich war der Meinung, daß in Pörtschach alles, seit dem Tode Ihrer Mutter, aufgegeben sei, und lese nun mit Freude, daß Ihre Geschwister dort angesiedelt geblieben sind. Mit Freude, denn ich weiß, wie lieb Ihnen diese Landschaft war, nicht allein um aller Erinnerungen willen. Ich stelle mir vor, daß sie zu jenen, einen heiter und harmlos umgebenden Landschaften gehöre, in denen man sich unwillkürlich entspannt und ausruht und zu denen man – was vielleicht das Geheimnis dieses Ausruhns ist – in solchen Zeiten ohne Distanz gehört.“
(Rainer Maria Rilke: Briefe an Gräfin Mirbach-Geldern-Egmont 1918-1924, hg. und kommentiert von Hildegard Heidelmann, Würzburg 2005, S. 92.)

Und auch wenn Rilke dem Text dieses Briefes nach zu schließen nie selbst in Pörtschach war, so evoziert die Villa Hoyos jetzt im Herbst doch auch ein wenig eine Stimmung, wie sie oft in Rilkes Lyrik begegnet. Jetzt, wo die Türme und Giebel der Villa zwischen bunt verfärbten Bäumen hervorlugen, während abgestorbene Blätter die Wege davor bedecken, könnte man sie fast als Illustration zu Rilkes vielleicht berühmtesten Gedicht, Herbsttag von 1902, verwenden:

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

*******

In my previous post I mentioned that in traditional Austrian architecture there were (almost) no timber-framed buildings. Timber-framing became quite popular, though, in the wake of what is known as the Carpenter Style towards the end of the 19th century, especially in buildings such as country hotels and rural retreats. A particularly impressive example is Villa Hoyos, overlooking lake Wörthersee in Carinthia, built c. 1895 for a Count Hoyos by an unknown French architect.

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