Heute vor 75 Jahren…

Jüdische Mausoleen am Zentralfriedhof (I)

Heute vor 75 Jahren, in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, wurden 24 von Wiens damals 25 Synagogen von den Nazis und ihren willigen Helfern in der österreichischen Bevölkerung in Brand gesteckt und in der Folge zerstört. (Dass der Stadttempel in der Seitenstettengasse als einziger verschont blieb, lag nur daran, dass aufgrund der dichten Verbauung in diesem Fall die Gefahr eines Übergreifens der Flammen auf die umliegenden Gebäude zu groß gewesen wäre.) Mit einem Schlag verschwand dabei eine ganze Reihe von Bauten, die durchaus zu den Höhepunkten der Wiener Architektur der Ringstraßenzeit gezählt werden konnten, etwa die Synagoge Neudeggergasse in der Josefstadt, der sogenannte Schmalzhoftempel in Mariahilf oder der sogenannte Türkische Tempel in der Leopoldstadt.

Max Fleischer, Synagoge Neudeggergasse, Wien VIII, 1903 (zerst. 1938). Historische Ansichtskarte (via Wikimedia Commons)

Gewiss, die Zerstörung von Bauwerken, und seien sie auch noch so bedeutend, ist nichts im Vergleich zur Ermordung von sechs Millionen Menschen, die mit den Toten der Novemberpogrome von 1938 ihren Anfang nahm. Dennoch war gerade die Zerstörung der Synagogen in Wien und anderswo von nicht zu unterschätzendem Symbolwert: Als zentrale Gebets- und Versammlungsräume der Gemeinschaft waren es vor allem die Synagogen, die dem Judentum in der Stadt architektonisch ein Gesicht gaben; ihre Eliminierung aus dem Stadtbild brachte die Absicht der Nationalsozialisten, die Stadt „judenfrei“ zu machen, in besonders drastischer Weise zum Ausdruck.

Hugo von Wiedenfeld, Türkischer Tempel, Wien II, 1885-1887 (zerst. 1938). Historische Innenaufnahme mit Blick auf den Toraschrein (via Wikimedia Commons)

Wer sich heute ein Bild davon machen will, welch bedeutender Bauwerke Wien damals durch die Nazi-Barbarei beraubt wurde, kann dies anhand alter Fotografien, anhand originaler Planzeichnungen oder auch anhand von virtuellen Rekonstruktionen am Computer tun. Wer es allerdings gerne handgreiflicher hat, dem sei ein Spaziergang durch die Alte Israelitische Abteilung auf dem Wiener Zentralfriedhof ans Herz gelegt. Dort findet sich auf engem Raum eine große Zahl an Mausoleen, vor allem aus der Zeit von 1880 bis zum Ersten Weltkrieg, die zum Teil in denselben Stilen und von denselben Architekten errichtet wurden wie die zerstörten Synagogen. Es handelt sich dabei um wahre Prachtbauten im Kleinen, von ungemein hoher handwerklicher Qualität und großem materiellem Aufwand, welche die hohe Qualität von Architektur und Ausstattung des Verlorenen in einer Art und Weise anschaulich vor Augen führen, wie selbst die beste Computer-Rekonstruktion es nicht vermag.

Ich werde hier daher in den nächsten Tagen eine Handvoll dieser Mausoleen vorstellen, zum einen weil es sich ganz einfach um großartige Bauwerke handelt, über die ich eigentlich schon lange schreiben wollte, zum anderen aber auch als Einladung zur näheren Beschäftigung mit dem jüdischen Erbe Wiens bzw. Österreichs. Den Anfang macht morgen das Grabmal des Jacques Menachem Elias nach Plänen von Stefan Fayans…

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24 of Vienna’s 25 synagogues were destroyed in the November Pogrome of 1938. Quite a few of them were remarkable examples of fin-de-siècle architecture that are now lost forever. One can, however, still get an idea of their splendour and quality by looking at the mausoleums in the Jewish Section of Vienna’s largest cemetery, the Zentralfriedhof. Many of these mausoleums were designed by the same architects and employ the same architectural styles as the destroyed synagogues. Over the course of the next few days I will therefore post about some of them…

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