Rothschild-Mausoleum, Zentralfriedhof, Wien XI

Jüdische Mausoleen am Zentralfriedhof (III)

Natürlich, die Rothschilds. Ist vom jüdischen Leben der Ringstraßenzeit die Rede, kann der Name dieser wohl bedeutendsten Bankiersfamilie des 19. Jahrhunderts nicht fehlen. Begründet wurde die Dynastie durch Mayer Amschel Rothschild (1744-1812), der an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert vom Münz- und Wechselhändler in der Frankfurter Judengasse zum international agierenden Großbankier aufgestiegen war. Vor allem seine fünf Söhne waren es dann, die durch Niederlassungen in ganz Europa den Einfluss des Unternehmens noch weiter ausbauen konnten und die verschiedenen, über den ganzen Kontinent verstreuten Zweige der Familie begründeten. Fünf gebündelte Pfeile symbolisieren im bis heute gebräuchlichen Wappen der Rothschilds den Zusammenhalt der fünf Brüder – sie sind auch im Aufsatz des Mausoleums am Wiener Zentralfriedhof in zentraler Position zu sehen:

Das Mausoleum entstand um 1894 im Auftrag von Albert Salomon Anselm Freiherr von Rothschild (1844-1911), dem damaligen Oberhaupt des Wiener Zweigs der Familie. Dieser galt als der reichste Mann Europas und prägte das kulturelle und soziale Leben Wiens nachhaltig. Er war nicht nur ein bedeutender Kunstsammler, sondern stiftete auch eine ganze Reihe karitativer Einrichtungen, vor allem für die jüdischen Gemeinden in Wien, aber auch in anderen Orten des Habsburgerreichs. So finanzierte er etwa die Errichtung des Spitals der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien (1870-1874; 1955 abgerissen), das in der Folge als Rothschild-Spital bekannt war, ein Altersversorgungshaus in Gaming, Niederösterreich (1899) und ein Waisenhaus in Ostrava/Mährisch-Ostrau, Tschechien (1899). Architekt war in allen Fällen Wilhelm Stiassny (1842-1910), gewissermaßen der Haus- und Hof-Baumeister der Wiener Rothschilds, der auch für deren Stadtpalais und eben auch für das hier behandelte Familienmausoleum am Zentralfriedhof herangezogen wurde.

Allerdings war Stiassnys Tätigkeit keineswegs auf Aufträge der Rothschilds beschränkt. Im Gegenteil: Zwischen etwa 1870 und 1900 errichtete er allein in Wien über 40 Miet- und Wohnhäuser. Selbst prominentes Mitglied von Wiens jüdischer Gemeinde, entwarf er auch zahlreiche Bauten für jüdischen Gemeinden in der ganzen Donaumonarchie, darunter die Zeremonienhallen der israelitischen Friedhöfe in Znojmo/Znaim und Jihlava/Iglau (beide Tschechien), in Baden (Niederösterreich) und auch in der Alten Israelitischen Abteilung des Wiener Zentralfriedhofs – erhalten ist davon lediglich jene in Jihlava/Iglau. Etwas besser erging es im Großen und Ganzen den in buntem, orientalisierendem Stil errichteten Synagogenbauten, für die Stiassny vor allem bekannt ist: Mit der Synagoge von Malacky (Slowakei) und vor allem der Jerusalemsynagoge in Prag sind hier bis heute zwei herausragende Beispiele erhalten. Im Zuge der Novemberpogrome von 1938 zerstört wurden hingegen Stiassnys Synagogenbauten auf österreichischem Gebiet, nämlich die sogenannte Polnische Schul in Wien II und die Synagoge in Wiener Neustadt.

Mit dem farbenfrohen, geradezu märchenhaften Überschwang seiner Synagogen hat Stiassnys Entwurf für das Rothschild-Mausoleum freilich wenig gemeinsam. Wüsste man es nicht besser, käme man wohl kaum auf die Idee, dass ein Bau wie die Prager Jerusalemsynagoge vom selben Architekten stammt wie dieses Grabmonument. Nun gut, mit ein wenig Hintergrundwissen vielleicht doch: Immerhin zählt es zu den Charakteristika des Historismus, dass die Architekten dieser Epoche ein breites Repertoire unterschiedlicher Baustile beherrschten, die sie je nach Aufgabenstellung gezielt einsetzen und variieren konnten.

Für das Rothschild-Mausoleum wählte Stiassny einen schnörkellosen, blockhaften Baukörper mit eingestellten Ecksäulen, der von einem stilisierten, von Urnen umstandenen Sarkophag bekrönt wird. Es ist von einer schlichten Eleganz, die es weitaus moderner wirken lässt als etwa das rund 15 Jahre jüngere Elias-Mausoleum, von dem hier jüngst die Rede war. Überhaupt zeichnet sich der Bau vor den meisten anderen Gruftbauten des Zentralfriedhofs durch den weitgehenden Verzicht auf opulenten Dekor aus.

Das heißt allerdings keineswegs, dass hier nicht auch auf Details Wert gelegt wurde. So wird das bemerkenswerte Türgitter von einem flach eingeritzten Palmettenfries umrahmt, der in raffinierter Weise die Blattmotivik der Kapitelle an den Ecksäulen aufzugreifen scheint. Über der Tür schließlich erscheint ein verdoppeltes/gespiegeltes R, neben dem schon erwähnten Pfeilbündel ein weiteres Logo der Familie Rothschild. Man findet es in identischer Position auch schon am Mausoleum des französischen Zweigs der Familie auf dem Pariser Friedhof Père Lachaise. Möglicherweise handelt es sich hier sogar um eine bewusste Bezugnahme auf das etwas ältere Pariser Grabmal, war der Bauherr des Wiener Mausoleums, Albert Salomon Anselm von Rothschild, doch mit einer Verwandten aus der Pariser Linie, Bettina Caroline de Rothschild (1858-1892), verheiratet. Ihr früher Tod im Jahr 1892 dürfte wohl auch der Anlass für die Errichtung des Grabbaus auf dem Zentralfriedhof gewesen sein.

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In contrast to the richly decorated mausoleum of the Elias family in Vienna’s Central Cemetery, that of the famous Rothschild family is plain, elegant and simple with overt classicist leanings. It was commissioned around 1894 by the head of the Viennese branch of the family, Albert Salomon Anselm von Rothschild (1844-1911) who was considered the wealthiest man of his time. The architect was Wilhelm Stiassny (1842-1910), himself a prominent member of Vienna’s Jewish community, who is best known for the design of several synagogues in Vienna and beyond, the most important surviving example being the so-called Jerusalem Synagogue in Prague.

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