Schlossmühle, Wiener Neudorf (Niederösterreich)

Fast wie vor 200 Jahren…

Auch der heutige Post verdankt sich einem aktuellen Anlass. Er soll gewissermaßen Werbung machen für ein spannendes Projekt, das mit 1. Januar online gegangen ist, das-perth-projekt. Betreut von dem Theaterwissenschaftler, Judaist, Journalist und, nicht zuletzt, profunden Kenner der Geschichte Wiens im 19. Jahrhundert Andreas Kloner werden dort, so die offizielle Projektbeschreibung,

täglich die persönlichen Erlebnisse eines jungen Wiener Beamten veröffentlicht, die dieser vor genau 200 Jahren erlebt und aufgezeichnet hat. Seine Beobachtungen geben Einblick in das Wiener Alltagsleben des frühen 19. Jahrhunderts und dessen sozialen, kulturellen, politischen, religiösen, topographischen und wirtschaftlichen Zusammenhänge, Einblick in eine Welt, in der es möglich war, Ludwig van Beethoven und Anton Diabelli live musizieren zu hören, fahrende Kutschen ohne Pferdegespann von der Hofburg in den Prater zu begleiten und hautnah den mehr tanzenden, als tagenden Wiener Kongress und dessen illustren Gäste zu erleben.“

 Momentan, d.h. Anfang Jänner 1814 ist dieser Beamte, ein gewisser Matthias Perth (1788-1856), gerade dabei, mit einigen Kollegen eine Laientheater-Aufführung vorzubereiten, die „im erzbischöflichen Palast zu [Wiener] Neudorf“ über die Bühne gehen soll. Bei diesem Palast handelte es sich um einen Barockbau, der als Ersatz für ein älteres, in den Türkenkriegen zerstörtes Wasserschloss im frühen 18. Jahrhundert errichtet worden und wenig später in den Besitz des Wiener Erzbischofs gelangt war. Schon Mitte des 19. Jahrhunderts büßte das Gebäude jedoch viel von seiner Pracht ein, als es vom Staat erworben und zu einem Frauengefängnis umgebaut wurde. Nach schweren Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg schließlich ist von dem Schloss heute nichts mehr zu sehen.

Gut erhalten ist hingegen die unmittelbar danebengelegene Schlossmühle, deren repräsentativer Wohntrakt schon für sich den Charakter eines kleinen Schlosses aufweist. Tatsächlich war es mehr diese Mühle als das eigentliche Schlossgebäude, die Erzbischof Christoph Anton Graf von Migazzi (1714-1803) in den letzten Jahren des 18. Jahrhunderts  zu seiner Sommerresidenz ausbauen ließ. Auf Initiative von Migazzis war schon 1780 die Wiener Neudorfer Kirche in streng klassizistischer Formensprache errichtet worden, und auch die Fassadengestaltung der Schlossmühle ist dem Klassizismus verpflichtet: Ein nur wenig hervortretender, fast nur angedeuteter Mittelrisalit mit Pilastergliederung zwischen den rundbogigen Fenstern im Hauptgeschoss, darüber ein schlichter Dreiecksgiebel, im Erdgeschoss Plattendekor, der sich über die Seitenachsen fortsetzt. Alles in allem sicher nicht der aufsehenerregendste Bau jener Zeit in Wien und Umgebung, aber für einen kleinen Sommersitz doch ganz ansehnlich und repräsentativ.

Im Gegensatz zum zerstörten Hauptschloss hat sich die Wiener Neudorfer Schlossmühle seit der Zeit um 1800 weitgehend unverändert erhalten, zumindest was den Außenbau betrifft. Denkt man sich die Autos und die Mülltonne vor dem Portal weg, dann entspricht der Anblick, der sich auf dem obigen Foto bietet, wohl im Großen und Ganzen dem, was schon Matthias Perth im fernen Jahr 1814 zu sehen bekam. Wobei, noch ist gar nicht klar, ob Perth es Anfang 1814 überhaupt nach Wiener Neudorf schaffte: Die geplante Theateraufführung nämlich muss erst von der Zensurbehörde genehmigt werden und die scheint sich fürs Erste querzulegen. Wer wissen will, ob doch noch etwas daraus wird, dem/der kann ich nur raten, die Ereignisse auf das-perth-projekt weiter zu verfolgen…

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The palace in Wiener Neudorf, just outside of Vienna, was a summer residence of the Archbishops of Vienna from the first half of the 18th century onwards. While the palace itself was destroyed in World War II, the adjacent Schlossmühle (Palace Mill) survives to this day: It was built/renewed in a neo-classicist style shortly after 1790 under the direction of archbishop Christoph Anton von Migazzi (1714-1803).

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2 Antworten zu Schlossmühle, Wiener Neudorf (Niederösterreich)

  1. Sanne schreibt:

    Danke für den hochinteressanten Beitrag und vor allem für den Hinweis auf das Perth Projekt! Beste Grüße S

    • c. n. opitz schreibt:

      Ja, das Perth-Projekt ist wirklich spannend – und das sag ich nicht nur, weil ich mit dem Autor befreundet bin ;-)
      Und mit „Autor“ meine ich in dem Fall natürlich Andreas Kloner, den Initiator und Betreiber des Projekts, und nicht Matthias Perth, der ja – um es mit einem seiner Zeitgenossen zu sagen – schon seit längerem ein Verweser seiner selbst ist….

      P.S.: Nicht minder spannend finde ich Wien Historisch. Muß ich gleich in meine Blogroll aufnehmen!

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