Stadtkino, Landeck (Tirol)

Moderne wider Willen?

Lichtspiele – ein unauffälliges Wort an einer unauffälligen Fassade, ein altmodisches Wort aus heutiger Sicht, ein Wort aber aus einer Zeit, in der Kino noch neu und aufregend war. Geschrieben in einer eleganten Art Déco-Schrift an einer nüchternen Fassade der 1920er evoziert der Schriftzug noch heute die Verheißung einer schillernden Moderne, die im Nachhinein betrachtet vielleicht doch nicht ganz so glanzvoll wie erhofft war, wohl erst recht nicht in einer Kleinstadt wie Landeck in den Tiroler Bergen.

Und selbst den Status einer Kleinstadt hatte Landeck, als das Kino 1928 errichtet wurde, noch nicht lange: Erst fünf Jahre zuvor war die Stadterhebung erfolgt, und bis zu einem gewissen Grad mag der Bau eines, wie es damals hieß, Lichtspieltheaters auch dazu gedient haben, die neu erlangte Urbanität zu unterstreichen. Das schlichte kubische Gebäude wurde nach Plänen von Hans Illmer (1878-1936) als Vereinshaus errichtet, enthielt aber von Anfang an auch das Vereinskino. Die Malereien an der Fassade stammen von Erich Torggler (1899-1938), einem lokal bedeutenden Künstler, der in seinen Gemälden vor allem die Kunst Alfons Waldes rezipierte, sich hier in der Monumentalmalerei aber stärker an Albin Egger-Lienz anlehnte.

Wie Torggler war auch der Architekt Hans Illmer eine Figur von nur lokaler Bedeutung, der als Stadtbaumeister von Hall in Tirol vor allem für funktionale Bauten wie das Elektrizitätswerk im Halltal oder das Bezirkskrankenhaus in Hall verantwortlich war. Wie beim Kino in Landeck handelt es sich dabei durch die Bank um blockhafte Bauten, die sich in erster Linie durch Zweckdienlichkeit auszeichnen, gerade dadurch aber durchaus eine gewisse Modernität erreichen. Das ist umso bemerkenswerter, als Illmer sich auch publizistisch äußerte und sich dabei keineswegs als Freund moderner Architektur zu erkennen gab. In den Innsbrucker Nachrichten vom 20. Januar 1906 etwa beklagt er unter dem Titel Niedergang der ländlichen Baukunst, dass „man die schöne Bauweise in Tirol, welche sich den örtlichen und klimatischen Verhältnissen so gut anpaßt, heute, man kann wohl sagen, gar nicht mehr kennt. Wenigstens“ fährt er fort, „haben die Bewohner kein Verständnis mehr dafür, es fällt ihnen auch gar nicht mehr ein, so zu bauen, wie die Väter gebaut haben.“

Besonders beachtenswert ist der vorletzte Absatz von Illmers Text, in dem er auf die ganz banalen, praktischen Ursachen zu sprechen kommt, die seiner Meinung nach zu diesem Niedergang entschieden beitragen:

„Was ist denn heute der schöne Beruf eines gebildeten Architekten oder Technikers auf dem Lande? Alles eher als ideal. Es kommt jemand zu ihm, dieser jemand möchte sich ein Haus bauen lassen, es muß so und so viel Zimmer und weiß Gott, was noch alles haben, es darf aber nicht mehr als so und so viel koste, nur recht billig. Was soll der gute Mann machen? Den Betreffenden abweisen, das kann er nicht, er muß die Arbeit übernehmen, weil er leben muß. Es sind ihm die Hände schon von vornherein gebunden, er muß wieder einen abscheulichen Kasten bauen, er weiß ganz gut, daß er ausgelacht wird, er weiß, daß er seinen Ruf und sein Renommé selbst untergräbt, und daß er mit den Pfuschern auf eine Stufe gestellt wird, ja, daß man diese ihm vorzieht, weil sie es billiger machen können wie er.“

Nun liegen zwar zwischen dem Verfassen dieser Zeilen und dem Bau des Landecker Stadtkinos mehr als zwanzig Jahre, dennoch drängt sich die Frage auf: Hatte sich Illmers Einstellung zur Moderne zwischen 1906 und 1928 tatsächlich radikal gewandelt – oder hat er hier entgegen seiner eigentlichen Überzeugung etwas hingestellt, dass er selbst für einen abscheulichen Kasten hielt, weil er eben leben musste?

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An old cinema building dating to 1928, complete with an elegant art déco inscription. It was designed by local architect Hans Illmer (1878-1936) who, somewhat ironically, some years earlier had written a newspaper article lamenting the decline of traditional Tyrolean architecture. In his own age, he complains, architects have turned to building ugly, artless cubes simply because it’s cheaper and therefore what their clients ask for. Taking this into consideration, it seems likely that Illmer himself saw the cinema in Landeck not as the simple, yet elegant piece of modernist architecture it is, but as a necessary evil, created in order to make a living but compromising his own more traditional artistic ideals.

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