Altes Schulhüsle, Lochau (Vorarlberg)

Fachwerk-Barock (I)

Einer der wesentlichen Unterschiede zwischen den traditionellen Bauformen Österreichs und jenen der westlichen und nördlichen Nachbarländer ist – wie schon einmal erwähnt – das weitgehende Fehlen von Fachwerkhäusern hierzulande. Was doch an Fachwerkbauten vorhanden ist, verdankt sich fast ausnahmslos erst dem Heimatstil-Boom des späten 19. Jahrhunderts. Wer hingegen ältere Vertreter dieser Konstruktionsweise sehen will, muss sich ganz in den Westen des Landes begeben, nach Vorarlberg, wo die geographische und kulturelle Nähe zu Schwaben und zur Schweiz von jeher auch architektonischen Niederschlag fand.

Ein schönes Beispiel ist das Alte Schulhüsle in Lochau, einem kleinen Ort, der auf halbem Weg zwischen Bregenz und Lindau direkt an der Grenze zu Deutschland gelegen ist. Hier lässt sich auch schön der Variantenreichtum beobachten, den die Fachwerktechnik bieten kann. An der im Bild oben zu sehenden Rückseite besteht die Konstruktion aus einer schnörkellosen Kombination aus Riegeln und Streben, die ganz auf Funktionalität bedacht ist. Die zur Straße gelegene Fassade und eine der Giebelseiten sind hingegen von einem dichten Netz aus Zierformen wie Kopfbändern, Fußbändern und Andreaskreuzen durchzogen. Mehr noch: Die einzelnen Hölzer sind dabei nicht gerade gearbeitet, sondern weisen zum Teil einen beinahe S-förmigen Schwung auf. Das ist auch gar nicht weiter verwunderlich, ist als Erbauungszeit doch das Jahr 1775 überliefert – das Gebäude stammt also noch aus der Zeit des Barock, für die ein Überschwang an Zierelementen gelinde gesagt nicht ganz uncharakteristisch ist.

Das Baujahr ist in diesem Fall aber noch aus einem anderen Grund von Interesse: Wie der Name schon sagt, handelt es sich hier um ein ehemaliges Schulgebäude, das nach seiner Erbauung auch noch bis 1900 als solches genutzt wurde. Nun hatte Maria Theresia erst im Dezember 1774 die „Allgemeine Schulordnung für die deutschen Normal-, Haupt und Trivialschulen in sämtlichen Kayserlichen Königlichen Erbländern“ erlassen und damit die allgemeine Schulpflicht für ihre Untertanen eingeführt. Die Errichtung des Schulhüsle in Lochau im Jahr darauf stellt daher einen ganz unmittelbaren Reflex dieser richtungsweisenden Schulreform dar, und das Gebäude gilt heute wohl zu Recht als „ältestes Schulhaus aus theresianischer Zeit“ (so die informative Beschriftung neben der Eingangstür). Heute ist darin übrigens ein kleines ortsgeschichtliches Museum untergebracht, das immer Dienstagnachmittag beziehungsweise von Gruppen nach Vereinbarung besichtigt werden kann.

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As mentioned before, in Austria traditional timber-framed houses are only found in the country’s westernmost state, Vorarlberg. A fine example for this is provided by the Altes Schulhüsle (Old Schoolhouse) in Lochau, built in 1775. The date of this schoolhouse is of particular interest, since Austrian archduchess Maria Theresia had introduced compulsory school attendance only in December 1774.

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