Holzingerhaus, Stein an der Donau (Niederösterreich)

Löwe, Greif und Hauskatze

Heute gibt es hier so etwas wie eine Premiere; zum ersten Mal seit Bestehen dieses Blogs verwende ich ihn für das, wofür das Internet eigentlich gedacht ist… Wer das obige Bild etwas genauer betrachtet hat, wird bemerkt haben: Ich habe hier soeben mein erstes Katzenfoto gepostet. Zugegeben, als Katzenfoto taugt es eigentlich nicht weiß Gott wie viel. Dafür ist einfach zu wenig Katze und zu viel Portal drauf, aber auf einem Blog zu Baudenkmälern muss man in dieser Hinsicht dann doch bereit sein, einige Abstriche zu machen…

Das Portal jedenfalls gehört zu einem ansehnlichen Renaissance-Haus in Stein, das Ende des 16. Jahrhunderts für Christoph Holzinger erbaut wurde. Dieser hatte sich zunächst als in den Türkenkriegen Ruhm und Ansehen erworben, ehe er zum Verwalter des kaiserlichen Salzamtes in Stein bestellt wurde. Das standesgemäß repräsentative Haus, das er dort errichten ließ, wurde 1595 begonnen und 1599 fertiggestellt – letztere Jahreszahl ist heute noch auf dem Keilstein des Portals zu erkennen, auch wenn sie eher dezent ausgefallen ist und sich mit dem wenigen Platz begnügen musste, den Holzingers prominent im Keilstein angebrachtes Wappen noch ließ.

Auf dem Portal, gleichsam als überdimensionierte Wappenhalter, erblickt man Löwe und Greif, welche die auf dem Wappenstein stehende Figur eines Geharnischten flankieren. In seiner erhobenen Rechten hält dieser Ritter offenbar eine Art Trinkgefäß, das zum Anlass zu einer reichlich spekulativen Interpretation der Darstellung wurde. Es handle sich, wurde postuliert, um einen Kelch, der einen Hinweis auf die protestantische Forderung nach der Kelchkommunion für Laien darstelle.* Diese Deutung dürfte freilich frei erfunden sein, denn es gibt keinerlei gesicherte historische Nachrichten, die einen solchen Zusammenhang nahelegen würden – und schon die Deutung des Trinkgefäßes als Kelch ist, wenigstens beim heutigen Erhaltungszustand, alles andere als zwingend.

Womit wir es hier zu tun haben ist offensichtlich eine jener pseudo-historischen Legenden, mit denen man immer wieder versucht hat, nicht mehr recht verstandenen Bildwerken der Vergangenheit einen Sinn zu geben. Das Muster ist dabei im Grunde immer gleich: 1) Man weist der Darstellung mehr oder weniger spekulativ eine Entstehungszeit zu, was im vorliegenden Fall aufgrund der Jahreszahl am Keilstein denkbar einfach ist. 2) Man schaut sich in Chroniken und dergleichen um, was sich zu der betreffenden Zeit am betreffenden Ort so getan hat. Im konkreten Fall stößt man dabei rasch auf die Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen christlichen Konfessionen: 1568 hatte Maximilian II. dem weitgehend protestantischen österreichischen Adel Religionsfreiheit gewährt, 1571 war in Stein an der Donau unter dem Titel Christliche Agenda eine einheitliche evangelische Gottesdienstordnung für die Herren und Ritterschaft im Ertzhertzogtumb Oesterreich vnter der Enns gedruckt worden, ab etwa 1580 begann unter Rudolf II. jedoch die katholische Gegenreformation, was zu zunehmenden religiösen Konflikten führte. 3) Man stellt einen mehr oder weniger willkürlichen Bezug zwischen dem Kunstwerk und den historischen Ereignissen her und legt es als unmittelbaren Reflex derselben aus. Und, voilà, schon hat man aus einer Ritterfigur, die dem Eintretenden vielleicht einfach nur ein Weinglas zum symbolischen Willkommenstrunk entgegenstreckte, ein bedeutungsvolles „protestantisches Trutzbild“** gemacht.

* Franz Eppel, Die Wachau. Nibelungen- und Strudengau. Ihre Kunstwerke, historischen Lebens- und Siedlungsformen, Salzburg 1968, S. 212.

** Ebenda.

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A Renaissance portal on a house in Stein an der Donau (Lower Austria). This was built in the years 1595-1599 for Christoph Holzinger, an important Imperial administration officer, responsible for the salt trade on the Danube. Holzinger’s coat of arms is prominently displayed on the key stone over the entranceway.

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