Stiftskirche, Seitenstetten (Niederösterreich)

Verkleidet

Wie schon letztes Jahr will ich auch heuer wieder den Faschingdienstag zum Anlass nehmen, hier ein Gebäude vorzustellen, das sich gewissermaßen „verkleidet“ hat. D. h., streng genommen hat es sich natürlich nicht verkleidet, sondern es wurde verkleidet, denn die Fähigkeit zu aktivem Handeln ist bei Bauwerken ja in der Regel eher nicht so gegeben, wenn man einmal vom Einstürzen absieht…

Wie dem auch sei, blickt man ins Gewölbe der Benediktiner-Stiftskirche von Seitenstetten, so sieht man zunächst einmal vor allem eines: barocken Stuck. Diesen charakteristischen zuckerlrosa Stuck, der sich in plastisch ausgeprägten Ornamenten über die ganze Decke zieht und sich in regelmäßigen Abständen zu Rahmungen für gemalte Deckenbilder formiert. So sehr das Gewölbe aber auch von diesem Zierat überwuchert ist, so kann es doch nicht verbergen, dass darunter schlicht und einfach ein gotisches Kreuzrippengewölbe steckt. Tatsächlich ist der mittelalterliche Ursprung der Kirche unverkennbar, auch wenn Abt Adam Piringer 1677 den Innenraum von einem Seitenstettner Maurer namens Stephan Ober mit Stuckaturen überziehen ließ. (Und leider ließ der Abt bei dieser Gelegenheit auch die mittelalterlichen Glasmalereien in den Fenstern entfernen, um den Raum heller zu machen.)

Deutlich gotische Züge zeigt, trotz der flachen barocken Pilastervorlagen, auch noch der Wandaufriss mit den spitzbogigen Arkaden zwischen Mittel- und Seitenschiffen. Diese wirken als wären sie einfach in die massive Wand eingeschnitten und erinnern damit an andere frühe gotische Bauten in Österreich wie etwa die Minoritenkirche in Stein an der Donau. Letztere wurde im Jahr 1264 geweiht, und in dasselbe Jahr fällt auch der Baubeginn der Stiftskirche in Seitenstetten. Allerdings zogen sich die Bauarbeiten hier ein wenig hin, und die Fertigstellung erfolgte erst zu Beginn des 14. Jahrhunderts. Der Grund für den langsamen Baufortschritt dürfte in der damals nicht sonderlich rosigen wirtschaftlichen Lage des Stifts zu suchen sein.

Finanzielle Gründe könnten auch mit-ausschlaggebend dafür gewesen sein, dass man sich im 17. Jahrhundert nicht zu einem kompletten Neubau in modernen, also barocken Formen entschloss, sondern sich auf eine letztlich oberflächliche Barockisierung beschränkte. Andererseits ist in einem jahrhundertealten Kloster wie Seitenstetten natürlich Traditionspflege ein nicht unwesentliches Element des Selbstverständnisses und der Selbstdarstellung, und das Bewahren der gotischen Stiftskirche konnte auch dazu dienen, die Altehrwürdigkeit des Ortes anschaulich zu machen bzw. zu belassen. Der einzige Nachteil dabei: Herausgekommen ist ein Bau, der nun weder richtig gotisch noch richtig barock ist und der infolgedessen von der Forschung wenig wahrgenommen wird, da irgendwie weder die Gotik- noch die Barockforschung wirklich etwas mit ihm anzufangen weiß. Eigentlich schade…

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Following last year’s example, here is another carnival-related post: The monastery church of Seitenstetten is, so to say, a building in costume, a Gothic structure dressed up as a Baroque church. It was built mainly in the second half of the 13thentury, and despite the fact that it was entirely covered in Baroque stucco in 1677, one can still make out its original medieval contours.

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