Marianne-Hainisch-Hof, Wien III

Nachdem mir der diese Woche schon der Faschingdienstag einen eigenen Blog-Post wert war, muss es der heutige Weltfrauentag natürlich erst recht sein. Immerhin sind die Anliegen der Frauenbewegung doch um einiges wichtiger als das Faschingfeiern, auch wenn man hierzulande durchaus manchmal den Eindruck gewinnen kann, es verhalte sich umgekehrt…

Der Marianne-Hainisch-Hof im 3. Wiener Gemeindebezirk wurde 1927/28 nach Plänen von Rudolf Perthen (1884 – 1941) errichtet. Benannt ist er nach der Begründerin der österreichischen Frauenbewegung, Marianne Hainisch (1839 – 1936). Selbst Gattin eines wohlhabenden Industriellen, setzte sie sich ab etwa 1870 vor allem dafür ein, dass Frauen besseren Zugang zu (höherer) Bildung erhielten, und gründete aus eigenen Mitteln das erste Gymnasium für Mädchen im deutschsprachigen Raum. Später, zu Beginn des 20. Jahrhunderts, gründete sie unter anderem den Bund österreichischer Frauenvereine, war Vizepräsidenten des Weltfrauenbundes und trug wesentlich zur Einführung des Muttertags in Österreich bei.

Es ist vielleicht bezeichnend für die Einstellung der österreichischen Sozialdemokratie zur Frauenbewegung, dass nach Hainisch trotz all dieser Verdienste nur ein relativ kleiner, kompakter Gemeindebau benannt wurde und nicht eine dieser riesigen Wohnanlagen mit der Einwohnerzahl einer Kleinstadt wie etwa der gleich daneben gelegene Rabenhof. Wobei man umgekehrt auch sagen könnte: Da Hainisch bei allem sozialen Engagement doch eher dem bürgerlichen Lager angehörte, ist es bezeichnend, dass man sie im Roten Wien überhaupt auf diese Weise würdigte.

Mit dem genannten Rabenhof, der keine 200 Meter entfernt ist, verbindet den Marianne-Hainisch-Hof mehr als nur die Lage. Gemeinsam ist beiden Bauten (trotz unterschiedlicher Architekten) der Rückgriff auf mittelalterliches Formenvokabular, vor allem in den gotisierenden spitzbogigen Öffnungen der Erdgeschoßzone. Was beim Hainisch-Hof noch dazu kommt ist der imposante turmartige Eckausbau, der entfernt an mittelalterliche Burgenarchitektur angelehnt scheint und der Idee von den Wiener Gemeindebauten als sozialistischen Schutzburgen Ausdruck verleiht. Das vielleicht markanteste Detail, in dem der Bau über den Rabenhof hinausgeht, sind jedoch die geschwungenen, spitz zulaufenden Balkone, die die Fassade rhythmisieren und deutlich den Einfluss expressionistischer Architektur erkennen lassen. Das Ganze erinnert damit auch ein wenig an die Kulissenarchitektur expressionistischer Stummfilme, und man kann fast den Eindruck gewinnen, es müsste jeden Moment Nosferatu, Murnaus Dr. Faust oder Wegeners Golem aus einem der pseudo-gotischen Portale treten.

Also, zumindest konnte man diesen Eindruck noch bis vor wenigen Monaten gewinnen – da präsentierte sich die Fassade nämlich noch in jenem düsteren Grau, das Wiens Stadtbild seit der Nachkriegszeit massiv geprägt hat, und erst in den letzten, sagen wir, zwei Jahrzehnten durch zahlreiche Restaurierungsmaßnahmen helleren, freundlicher wirkenden Fassaden mehr und mehr Platz machen musste. Auch der Marianne-Hainisch-Hof wurde nun einer solchen Restaurierung unterzogen und zeigt nun seit einigen Wochen ein völlig neues Gesicht. Mal schauen, wie lang das Weiß so weiß bleibt…

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The Marianne-Hainisch-Hof is a council house built in 1927-1928 by Rudolf Perthen (1884-1941). With its reminiscences of medieval fortification architecture and its ogive ground floor arcades, it is an outstanding example of the architecture of Socialist Vienna. The building’s namesake, Marianne Hainisch (1839-1936), was the foundress of Austria’s women’s movement.

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2 Antworten zu Marianne-Hainisch-Hof, Wien III

  1. Sanne schreibt:

    Danke für den interessanten Beitrag. Obwohl ich immer noch der Meinung bin, dass solange es einen „Frauentag“ braucht, wir Frauen es (noch) nicht geschafft haben. Es gibt ja auch einen Tag der Jogginghose, wir sind also in bester Gesellschaft.
    Gehört nicht hierher, muß aber mal gesagt werden.
    Herzliche Grüße – S

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