Ehm. Arbeiterwohnhaus, Lanau (Steiermark)

Der heutige Post existiert schon eine ganze Weile als Entwurf, aber erst am heutigen Maifeiertag komme ich endlich dazu, ihn fertig zu schreiben. Das ist natürlich einem gewissen Zeitmangel meinerseits in den letzten Wochen geschuldet, trifft sich aber eigentlich ganz gut, denn es geht um ein Arbeiterwohnhaus, und was könnte besser zum Tag der Arbeit passen als das?
Das langgezogene Wohnhaus liegt im oberen Mürztal direkt an der Straße und bildet zusammen mit einer Handvoll weiterer Gebäude die kleine Ortschaft Lanau, die Teil der Gemeinde Mürzsteg ist. Schon seit dem 17. Jahrhundert bestand in der Gegend Eisenindustrie, an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert wurde dann in Lanau eine Rohr- und Gewehrfabrik errichtet. (Bezüglich des genauen Gründungsdatums werden in der Literatur unterschiedliche Jahreszahlen genannt, nämlich 1798, 1799 und 1800.) 1830 schließlich wurde am selben Ort auch ein Blech- und Streckwalzwerk gegründet, dessen Errichtung stolze 18447 Gulden kostete. Diese Summe entnehme ich Franz Josef Gerstners Handbuch der Mechanik, dessen dritter Band von 1834 eine ausführliche Beschreibung des damals den neuesten Stand der Technik repräsentierenden Lanauer Walzwerks enthält.* Unter den Vorteilen eines Walzwerks gegenüber den früheren Streckhämmern hebt Gerstner hervor, dass hier „weit minder geschickte Leute, als in den Hämmern verwendet werden“ und „die Löhnungen der Walzwerksarbeiter (…) daher auch geringer (…) bemessen“ werden könnten, und dass man „bei einem Walzwerke von den Arbeitern weit weniger abhängig“ sei.** Dann gibt er auch noch Auskunft über die im Lanauer Walzwerk beschäftigten Personen: Insgesamt, schreibt er, sind hier acht Arbeiter angestellt, nämlich 2 Vorwalzer, 2 Heizer, 2 Auffanger, 1 Blechschneider und 1 Junge, die alle zusammen auf einen Wochenlohn von 23 Gulden 48 Kreuzer kommen, wobei die Einzellöhne zwischen 5 Gulden beim Vorwalzer und 1 Gulden 30 Kreuzer beim Jungen schwanken. Dazu kommen noch ein Meister, zwei Einwäger, ein Zeugschmied, sowie ein Holzförderjunge, die allerdings sowohl dem Lanauer als auch dem nahe gelegenen Neuberger Walzwerk zuarbeiteten.***
Über die Arbeiterschaft der Gewehrfabrik und anderer eisenverarbeitender Betriebe in der Gegend konnte ich keine ähnlich detaillierten Informationen finden, doch muss ihre Zahl durchaus beträchtlich gewesen sein, wenn man die Größe des noch bestehenden Arbeiterwohnhauses betrachtet und von der Zahl der Fenster und Rauchfänge Rückschlüsse auf die Zahl der Wohneinheiten zieht. Die 63 bei der letzten Volkszählung 2011 in Lanau registrierten Bewohner könnte man locker darin unterbringen, zumindest wenn man nicht heutige Verhältnisse als Maßstab nimmt, sondern die durchschnittliche Größe und Bewohnerzahl in einer Arbeiterwohnung des 19. Jahrhunderts. Tatsächlich wirkt das Gebäude heute, wo die Industrie längst aus der Gegend verschwunden ist, irgendwie viel zu groß für die weitgehend verlassene Gegend, in der es sich befindet. Wer hier zufällig die Straße – oder auch den Radweg – entlang kommt und nicht um die Geschichte des Ortes weiß, wird sich wohl unweigerlich fragen, was das für ein überdimensioniertes Bauwerk ist, das da so scheinbar unmotiviert zwischen den bewaldeten Hängen auftaucht…

* Franz Josef Ritter von Gerstner, Handbuch der Mechanik, Bd. 3: Beschreibung und Berechnung grösserer Maschinenanlagen, Wien 1834, S. 557-570, die Kostenangabe auf S. 563 (online Ausgabe).

** Ebd., S. 565.

*** Ebd., S. 567.

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Since today is Labour Day, I give you an old workingmen’s house in Lanau, Styria. Today, this building is located seemingly in the middle of nowhere, on the side of a small country road running through a woody mountain valley. During the first half of the 19th century, however, this area was a busy industrial centre, with both a gun factory and a sheet mill established at Lanau, and the workingmen’s house is one of the last reminders of those long gone days of buzzing activity.

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