Ebenspangerhaus, Eltendorf (Burgenland)

Wie sich an den eindrucksvollen Wolkenformationen unschwer erkennen lässt, habe ich obiges Foto am selben Tag aufgenommen wie jenes im vorigen Beitrag. Von der Kirche in Zahling zum Ebenspangerhaus in Eltendorf sind es denn auch kaum drei Kilometer, also nicht mehr als fünf Fahrminuten mit dem Auto.* Ein Weg, der sich auf jeden Fall lohnt, denn das Haus zählt sicher zu den außergewöhnlichsten historischen Gebäuden der Region. Benannt ist es nach Johannes Ebenspanger (1845-1903), der ab 1877 Direktor der evangelischen Schulanstalten in Oberschützen war, vor allem aber als „heanzischer Dialektdichter“ und „Sammler von westungarisch-deutscher Volksdichtung“ im damals noch zu Ungarn gehörigen Südburgenland eine gewisse Bedeutung erlangt hatte.** Über ihn und sein Haus in Eltendorf schreibt die hier schon letztens zitierte Zeitschrift Burgenländische Gemeinschaft*** in der Ausgabe von Juni 1978:

„Obwohl der Dichter und Schulmann Johannes Ebenspanger, der 1845 in Kukmirn das Licht der Welt erblickte, mit Oberschützen auf das engste verbunden war, hatte er sich in Eltendorf, unmittelbar neben der alten Ortsstraße, ein schönes Heim geschaffen. Obzwar er am 24. Jänner 1903, also vor genau 75 Jahren, an den Folgen eines Sturzes von der Bibliotheksleiter in der evangelischen Schulanstalt von Oberschützen, dort selber gestorben und auch begraben liegt, hat dieses Ebenspangerhaus in Eltendorf dessen Namen bis heute erhalten.“

Die im Zitat gebrauchte Formulierung „ein … Heim geschaffen“ ist allerdings etwas missverständlich, suggeriert sie doch, Ebenspanger sei der Erbauer des Hauses gewesen. Das ist jedoch nicht der Fall. Vielmehr handelt es sich um eine ehemalige Posthalterstation (wozu ja auch die erwähnte Lage direkt an der früheren Dorfstraße passt), die schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts errichtet wurde. Charakteristisch für die Entstehungszeit ist der klassizistische Säulenportikus, der innerhalb der sonst nur durch Bänderung und die durchlaufende Sohlbank unter den Fenstern gegliederten Fassade einen deutlichen Akzent setzt und dem Bau ein doch irgendwie stattliches Aussehen verleiht.

Bei genauerem Hinsehen erkennt man jedoch, dass es mit dem Klassizismus letztlich gar nicht so weit her ist. Im Gegenteil: Hartgesottene Klassizisten hätten seinerzeit beim Anblick des Portikus wohl entsetzt die Hände über dem Kopf zusammen geschlagen. Denn, horribile dictu, der Portikus des Ebenspangerhauses besteht aus der unsäglichen Zahl von drei Säulen, sodass deren mittlere genau das Zentrum der Fassade einnimmt. Im strengen Regelwerk klassi(zisti)scher Architektur ist genau das aber ein absolutes No-Go, einer der größten Fauxpas, die ein Architekt begehen kann. Die Regel nämlich besagt, dass die Zahl der Säulen immer gerade zu sein hat, sodass sich in der zentralen Position eben keine Säule sondern ein Freiraum, ein sogenanntes Interkolumnium befindet. Das macht insofern auch tatsächlich Sinn, als sich ein solcher Portikus üblicherweise auf einen mittig platzierten Eingang hin öffnet (man denke etwa an den Wiener Theseustempel). Die Anordnung in Eltendorf ist jedoch eine andere: Hier gibt es nicht eine, sondern zwei Türen, die an der Hauptfront ins Innere des Hauses führen, und die Interkolumnien wurde offenbar bewusst so gelegt, dass beide Eingänge von der Straße aus zugänglich waren, ohne dass man erst mühsam um eine Säule herumgehen musste. Kurzum, ein Sieg der Pragmatik über das Regelwerk.

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* Alternativ kann man die Strecke auch auf dem Uhudler-Kulturwanderweg zu Fuß zurücklegen. Einige fotografische Impressionen von dieser Wanderung habe ich schon vor ein paar Wochen auf Facebook geteilt.

** Die wörtlichen Zitate sind aus dem Österreichischen Biographischen Lexikon 1815-1950, Bd. 1 (Lfg. 3, 1956), S. 208.

*** Hinter dem heute etwas altväterisch klingenden Titel dieser Zeitschrift verbirgt sich übrigens ein seit 1956 herausgegebenes Informationsblatt für Auslandsburgenländer, ursprünglich vor allem für jene, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nach Amerika emgiriert waren. Bis auf die letzten fünf Jahrgänge sind alle Ausgaben mittlerweile auch online verfügbar. Wer sich für die jüngere Regionalgeschichte des Burgenlands interessiert, wird darin manches interessante Detail entdecken.

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The Ebenspanger House in Eltendorf is named after local poet and schoolmaster Johannes Ebenspanger (1845 – 1903) who lived here in the second half of the 19th century. However, it was already built in the decades before Ebenspanger’s birth as a mail coach inn. Its impressive neo-classicist portico speaks to the tastes of the early 19th century.

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