Landesvilla, Bad Hall (Oberösterreich)

Irgendwann letzte Woche fiel mir auf, dass ich schon ewig nichts mehr zum Thema Jugendstil gepostet hatte. Da trifft es sich ganz gut, dass am Wochenende ohnehin ein Besuch in Steyr am Programm stand, denn gleich daneben liegt Bad Hall, das in den Jahren nach 1900 einen kurzen aber intensiven Boom als Kurort von überregionaler Bedeutung erlebte – ein Boom, der zur Errichtung von Hotels, Villenbauten und Kuranlagen im Jugendstil führte und der gerade heuer mit einer sehenswerten Ausstellung im örtlichen Museum gewürdigt wird. Unter dem Titel Jugendstil in Bad Hall werden dort noch bis Ende Oktober vor allem Möbel und Kunsthandwerk aus der Epoche gezeigt, nicht zuletzt aber auch Originalpläne und -zeichnungen zu den diversen einschlägigen Bauten im Ort. Ein in der Ausstellung erhältlicher Folder mit Stadtplan ermöglicht es, auch die Gebäude selbst entlang eines Jugendstil-Themenweges (zumindest von außen) zu besichtigen.

Kern- und Prunkstück des Ganzen ist die sogenannte Landesvilla, die nicht zu Unrecht als der bedeutendste Jugendstilbau Oberösterreichs gilt. Den Anlass für die heurige Ausstellung gab denn auch die Fertigstellung der Landesvilla vor genau hundert Jahren – die amtliche Kollaudierung erfolgte im Sommer 1914, kleinere Arbeiten an Ausstattung und Möblierung zogen sich noch bis Ende des Jahres hin. Die Errichtung der Villa steht, so heißt es, auch in Zusammenhang mit einem anderen, weitaus gewichtigeren Ereignis, dessen heuer gedacht wird: Sie soll als standesgemäße Unterkunft für den angekündigten Besuch des deutschen Kaisers Wilhelm II. geplant worden sein, doch als der Bau 1914 endlich vollendet war, hatte Wilhelm ganz andere Sorgen, und der Kuraufenthalt in Oberösterreich fand dann doch nicht statt. Ob diese auch im Internet zu lesende Geschichte tatsächlich stimmt, sei dahingestellt – im gut recherchierten Katalog der derzeitigen Ausstellung wird sie zwar ebenfalls wiedergegeben aber mit einem einschränkenden „angeblich“ eingeleitet.*

Aus den im Katalog wiedergegebenen Schriftquellen zur Planung der Landesvilla ergibt sich jedenfalls ein anderes Bild: Im Jänner 1911 wurde im Oberösterreichischen Landesausschuss die Notwendigkeit eines Villenbaus in Bad Hall diskutiert, der wie im bayerischen Bad Tölz elegante moderne Wohnungen für gehobene Gäste bereitstellen sollte. Im Juni desselben Jahres wurde der Bau schließlich öffentlich ausgeschrieben, ein Jahr später erging der Zuschlag an den in Linz ansässigen Architekten Mauriz Balzarek (1872–1945). Es dauerte dann noch ein weiteres Jahr bis alle Finanzierungsfragen geklärt waren und der Bau 1913 tatsächlich in Angriff genommen wurde. Die Ausführung oblag der Bad Haller Baufirma Gubler & Schmöller.

Der aus Mähren gebürtige Balzarek hatte in Wien bei Otto Wagner studiert und war 1902 als Lehrer an die k. u. k. Staats-Handwerkerschule in Linz gekommen. Von 1915 bis zu seiner Pensionierung 1933 stand er dieser Schule als Direktor vor, daneben entfaltete er, vor allem in Oberösterreich, eine reiche Tätigkeit als Architekt. Schon in den Jahren 1907 bis 1911 hatte er in Bad Hall eine Reihe von Bauten realisiert, die zum Teil noch deutlich den Einfluss der Wagner-Schule erkennen lassen (so vor allem der Musikpavillon im Kurpark).

Balzareks Entwurf für die Landesvilla hingegen hat sich bereits deutlich von den Wiener Vorbildern gelöst und zeigt einen ganz eigenen, für Österreich eher ungewöhnlichen Stil, der sich zum Teil durch mehrere Reisen nach Deutschland und die Auseinandersetzung mit deutschen Architekten wie Otto Frick und Hermann Muthesius erklären lässt: Besonders prägnant sind die beiden seitlichen Risalite, deren steile Giebel Reminiszenzen an die bürgerliche Architektur der deutschen Renaissance hervorrufen, zugleich aber auch in der Tradition des romantisierenden Heimatstils stehen. Der üppige Reliefdekor an den Giebeln mutet beinahe barock an und ist in den Detailformen dem floralen Jugendstil verpflichtet. Der breitgelagerte Grundriss und das Raumkonzept der Landesvilla sind hingegen aus der englischen Landhausbewegung abgeleitet, die durch Architekten wie den schon genannten Muthesius auch nach Deutschland gebracht worden war.

Aufgrund der Lage mitten im Kurpark und der dort recht dichten Vegetation ist es in den Sommermonaten leider so gut wie unmöglich, die Landesvilla als Ganze vernünftig auf ein Foto zu bekommen. Wer einen besseren Eindruck vom Gesamtkonzept des Baus erhalten möchte, sei daher auf die schöne Entwurfszeichnung Balzareks verwiesen, die 1912 in der Zeitschrift Der Architekt veröffentlicht wurde.

——-

* Katharina Ulbrich (mit Beiträgen von Martina Bauer und Daniel Resch), 100 Jahre Landesvilla – Jugendstil in Bad Hall. Katalog zur Sonderausstellung im Museum „Forum Hall“, Bad Hall 2014, S. 12.

——-

The small town of Bad Hall was a popular spa in the first decades of the 20th century and still preserves many art-nouveau-buildings from that time. The most remarkable among them is certainly the so-called Landesvilla (State Villa), built in 1912-1914 after designs by Mauriz Balzarek (1872–1945), a student of Otto Wagner. It is said that the villa was built for German emperor Wilhelm II. who intended to visit Bad Hall but ultimately was prevented from doing so because of the outbreak of World War I in 1914. Presumably, this story is only a later invention and not true at all, but the war certainly did bring Bad Hall’s glory days as a spa town to an end, so metaphorically speaking there even is some “truth” to it after all.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Oberösterreich abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s