Waschhaus, Steyr (Oberösterreich)

Da ich ein gewisses Faible für Kontraste habe, folgt auf die prächtige Jugendstilvilla des vorigen Beitrags heute so ziemlich das Einfachste, was man sich an Architektur vorstellen kann: Ein simples Häuschen auf rechteckigem Grundriss, die Wände weiß verputzt, darauf ein Satteldach, alles zusammen nicht größer als ein durchschnittliches Wartehäuschen an einer Bushaltestelle. Worum es sich hier handelt, ist ein öffentliches Waschhaus, das jedermann und wohl vor allem jedefrau bei Bedarf zum Wäschewaschen benutzen konnte. Dieser öffentlichen Funktion entsprechend wurde der kleine Bau direkt an der Straße errichtet, am westlichen Ortsrand von Steyrdorf, das heute einen Stadtteil von Steyr bildet.

Solche allgemein zugänglichen Waschbrunnen waren in den meisten Dörfern, aber auch in vielen Städten bis ins 20. Jahrhundert hinein fester Bestandteil des Ortsbilds – und des öffentlichen Lebens. Nur wenige davon haben sich bis heute erhalten, und jener in Steyr ist eines der ganz seltenen noch funktionstüchtigen Beispiele. Im Inneren befindet sich ein gemauerter Waschtrog, in den von oben her Wasser geleitet wird (wie auf dem ersten Foto zu erkennen, steht das Gebäude in leichter Hanglage). Für einen Waschkessel war in dem engen Raum allerdings kein Platz, und vermutlich fehlte es dem Zielpublikum der Anlage ohnehin an den Geldmitteln, um sich das dafür nötige Brennmaterial leisten zu können, weshalb die Wäsche hier nur kalt gewaschen werden konnte.

In den Trog eingraviert ist die Jahreszahl 1820. Gut denkbar, dass auch das Häuschen als Ganzes aus jenem Jahr stammt, aber aufgrund der schlichten Bauweise ist es beinahe unmöglich, die Erbauungszeit mit Sicherheit zu bestimmen. Ein Bau aus einer längst fremd gewordenen früheren Zeit jedenfalls, der schlaglichtartig einen Blick in eine untergegangene Welt erlaubt und gerade aufgrund seiner einstigen Alltäglichkeit, mit der wir heute nichts mehr anzufangen wissen, gleichermaßen faszinierend und befremdlich ist.

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This former public wash house on the outskirts of Steyr in Upper Austria is as simple as architecture gets. In the pre-industrial era, wash houses like this were very common, but while many of them are still extant – though, naturally, no longer in use – for example in France, the one in Steyr is an absolutely rare survivor of its kind in Austria. Inside, it contains a washing trough bearing the date 1820, which may well be the year when the building itself was erected as well.

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