Gasthof Neuwirt, Virgen (Tirol)

Der Gasthof Neuwirt im Osttiroler Virgen ist so etwas wie ein klassisches Postkartenmotiv, eines dieser alten Tiroler Häuser, bei denen man fast meint, sie auf einem Defregger-Gemälde schon einmal gesehen zu haben. Das im Kern spätgotische Gebäude stammt wohl vom Beginn des 16. Jahrhunderts, wovon am Außenbau vor allem der für die damalige Zeit charakteristische Runderker mit dem spitzen Kegeldach zeugt. Die Fassade hingegen ist von späteren Erneuerungen geprägt, etwa einer daran angebrachten Barockstatue der Heiligen Barbara oder einem ebenso barocken Wandbild des Heiligen Zachäus über der Tür, das heute von kunstvoll die Fassade überwuchernden Pflanzenranken gerahmt wird. Dazu dann noch das imposante Bergpanorama im Hintergrund, und alles was zur perfekten Postkarte noch fehlen würde, ist dieser strahlend blaue Fotohimmel, der sich bei meinem Besuch vor wenigen Wochen partout nicht einstellen wollte.

Sucht man auf einschlägigen Verkaufsplattformen im Internet nach alten Ansichtskarten von Virgen, findet man denn auch tatsächlich so einige, die den Gasthof Neuwirt zum Motiv haben. Aber nicht nur Fotografen fanden das pittoreske Bauwerk reizvoll, auch Filmemacher nutzten es schon früh als Kulisse. Von besonderer Bedeutung ist dabei der 1929 gedrehte und im Februar 1930 veröffentlichte Film Der unsterbliche Lump, eine Musikkomödie nach der gleichnamigen Operette von Edmund Eysler, die bereits wesentliche Elemente der später so populären Heimatfilme vorwegnimmt. Regie führte Gustav Ucicky, in den Hauptrollen sind Gustav Fröhlich und Liane Haid zu sehen, in Nebenrollen unter anderem Paul und Attila Hörbiger, die damals beide noch am Anfang ihrer Filmkarriere standen. Dass Der unsterbliche Lump einen prominenten Platz in der Filmgeschichte einnimmt, liegt allerdings in erster Linie daran, dass es sich um einen der frühesten erfolgreichen Tonfilme in deutscher Sprache handelte. Mehr noch, es handelte sich um einen der ersten deutschen Tonfilme, in dem mit Außenaufnahmen gearbeitet wurde – was aus heutiger Sicht nach nichts Besonderem klingt, damals aufgrund der schlechten Tonaufnahmegeräte aber mit erheblichem Aufwand verbunden war und daher eine nicht unbedeutende technische Innovation darstellte. Ein wesentlicher Teil dieser Außenaufnahmen fand nun – um zum eigentlichen Thema zurückzukommen – in Virgen, und zwar mit dem Gasthof Neuwirt als Hintergrundkulisse, statt. Leider ist der Film, soweit ich sehe, weder auf DVD noch online verfügbar, doch immerhin findet sich im Internet ein Foto von den Dreharbeiten, das Schauspieler und Crew vor dem alten Gasthof zeigt. Ein interessantes Zeitdokument sowohl für die Geschichte des deutschen Films als auch für die Rezeptionsgeschichte dieses spätgotischen Hauses im 20. Jahrhundert.

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This old inn in Virgen in the Eastern Tyrol was built in the early-16th century, although the details of the façade decoration only date from the Baroque era. This rather picturesque building has often served as a subject for photographers, but also for filmmakers: Most importantly, it was used as an outside location in the movie Der unsterbliche Lump (The Immortal Vagabond) of 1929/30, one of the first German-language talkies. Unfortunately, this movie doesn’t seem to be available online, but you can catch a glimpse of its shooting before the old inn in Virgen in this photo.

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