Rinnböckhäuser, Wien XI

Josef Rinnböck (1816 – 1880) zählt zu jenen Persönlichkeiten der Wiener Ringstraßenzeit, die bedeutend genug waren, dass nach ihrem Tod eine Straße nach ihnen benannt wurde, aber doch nicht so bedeutend, dass man heute noch etwas mit ihrem Namen anfangen könnte. Nur wer sich für die Simmeringer Lokalgeschichte interessiert, weiß heute noch, dass Rinnböck ein prominenter Unternehmer und Gemeinderat im damals noch recht dörflichen Simmering war. Wer hingegen mit der Wiener Architektur des Historismus vertraut ist, kennt vielleicht das schöne neugotische Mausoleum, das Rinnböck für sich und seine Familie errichten ließ (und das ich übrigens vor fast zwei Jahren auch hier im Blog schon einmal vorgestellt habe).

Noch ein anderes bauliches Unterfangen ist allerdings mit dem Namen Rinnböcks verbunden, die sogenannten Rinnböckhäuser am Beginn der Simmeringer Hauptstraße (Nr. 1-3). Von Rinnböck zwischen 1861 und 1865 als Arbeitergroßwohnhof errichtet, reagierten sie auf das starke Bevölkerungswachstum in Wien und seinen Vororten und auf die daraus resultierende Wohnungsnot vor allem für die Arbeiterschicht. Obwohl sie sich somit einer privaten Initiative verdanken, markieren die Rinnböckhäuser gewissermaßen den Beginn des modernen sozialen Wohnbaus in Wien, für dessen kommunal geförderte Variante die Stadt bald darauf berühmt werden sollte. Zum Zeitpunkt ihrer Errichtung stellten sie die größte Wohnanlage im Gebiet des heutigen Wien nach dem Freihof auf der Wieden dar. Damals freilich lagen sie noch nicht in Wien, denn Simmering war noch ein selbständiger Vorort außerhalb der Stadt und sollte erst 1892 eingemeindet werden. Gerade der Bau der Rinnböckhäuser stellte in gewisser Weise einen wichtigen Schritt im rasch voranschreitenden Prozess der Verstädterung und Industrialisierung Simmerings dar, der den ländlichen Charakter des Orts innerhalb weniger Jahrzehnte gänzlich verschwinden ließ.

Trotz seiner nicht zu leugnenden stadtgeschichtlichen Bedeutung ist von dem ehemaligen Großwohnhof heute allerdings nicht mehr allzu viel übrig. Nur eines der Rinnböckhäuser – das auf Nr. 3 – ist noch erhalten, und rein architektonisch und ästhetisch macht auch dieses zugegebenerweise nicht viel her. Obwohl es von der Bauzeit her bereits in die Epoche des Historismus fällt, erinnert es in seiner Kargheit noch mehr an die schlichten Wohnbauten des Biedermeier. Dennoch ist das Gebäude auch architekturgeschichtlich durchaus interessant, zwar nicht aufgrund seiner äußeren Erscheinung, aber durch das, was sich im Inneren verbirgt. Seines Zeichens Deichgräbermeister war Josef Rinnböck nämlich maßgeblich am Abbruch der Wiener Stadtmauern beteiligt: Zwischen 1859 und 1866 war seine Firma für Demolierungsarbeiten an Gonzagabastei, Burgbastei, Augustinerbastei sowie weiteren Wällen und Toren der Stadt verantwortlich, um Platz für die neu projektierte Ringstraße zu schaffen. Das dabei anfallende Abbruchmaterial verwendete der praktisch denkende Unternehmer dann gleich als billiges Baumaterial für die nach ihm benannten Wohnhäuser in Simmering. Hinter der unscheinbaren grauen Fassade des letzten der Rinnböckhäuser verbergen sich also die wiederverwerteten Ziegel der früheren Stadtmauern, und das macht den Bau finde ich doch zu einem äußerst bemerkenswerten Zeugnis der Wiener Stadtgeschichte.

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Built between 1861 and 1865 by local entrepreneur Josef Rinnböck for the needs of the working class, the so-called Rinnböck Houses are one of the earliest examples of social housing in Vienna. As a developer Rinnböck was involved in the demolition of Vienna’s old town walls, starting in 1859, and bricks from the town walls were re-used for the construction of his social housing project.

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