Hörtenthallerhaus, Kremsmünster (Oberösterreich)

Am Sonntag ist es wieder einmal soweit: Beim Österreichischen Tag des Denkmals stehen landauf, landab zahlreiche sonst nicht öffentlich zugängliche Baudenkmäler für interessierte Besucherinnen und Besucher offen (das volle Programm gibt es hier). Mit im Programm ist diesmal das frisch restaurierte Hörtenthallerhaus, das gleich neben dem berühmten Benediktinerstift am Ortsrand von Kremsmünster liegt und mit seinem markanten Mansarddach, der Giebelfront zur Straße, dem reichen Fassadendekor im üppig-eleganten Stil des Rokoko und nicht zuletzt durch die auffällige blaue Färbelung unweigerlich den Blick auf sich zieht. Seine heutige Gestalt verdankt es einem gewissen Joseph Anton Gruber, der in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts Hofrichter zu Kremsmünster war und das schon vorher bestehende Haus um 1760/70 prächtig ausbauen und erweitern ließ. Anlass könnte seine 1765 erfolgte Erhebung in den Adelsstand durch Maria Theresia gewesen sein, die es ihm erlaubte, sich fortan „Edler von Gruber“ zu nennen. Ein wenig liegt daher der Verdacht nahe, dass es sich beim Hörtenthallerhaus – so schön es auch sein mag – letztlich um den Protzbau eines neureichen Aufsteigers handelt.

Nun gut, vielleicht ist dieses Urteil auch ungerecht. Mag sein, dass ich einfach zu viel in den Historien des Stifts Kremsmünster gelesen habe. Die stiftseigenen Historiker nämlich lassen an Gruber kein gutes Haar und die Art, wie er zu seinem Vermögen kam, in zweifelhaftem Licht erscheinen: Als Hofrichter war Gruber auch für die Stiftsfinanzen verantwortlich, erwies sich dabei aber, so wird in einer Abhandlung von 1909 behauptet, „als unredlicher Beamter, der das Vertrauen des Abtes sowohl wie das Vermögen des Stiftes gewissenlos mißbrauchte“ (1). Noch drastischer formuliert es 1848 der Stiftshistoriker Theoderich Hagn: Er belegt Gruber mit den Eigenschaftswörtern ruchlos und verbrecherisch und wirft ihm vor, er habe „absichtlich Mißtrauen zwischen dem Abte und seinem Convente [hervorgerufen], um im Trüben fischen zu können.“ Durch dieses Agieren des Hofmeisters sei „eine lange währende finanzielle Zerrüttung“ des Stiftes begründet worden (2).

Natürlich lässt sich heute nur noch schwer beurteilen, wie viel an den gegen Gruber erhobenen Vorwürfen tatsächlich dran war (3). Treffen sie jedoch zu, bedeutet das, der ganze Prunk des Hörtenthallerhauses wurde durch unredlich erworbene Mittel finanziert. Aber realistisch betrachtet ließe sich Ähnliches wohl über viele prächtige alte Häuser sagen, sodass man sich dadurch nicht abhalten lassen sollte, den Bau zu besuchen und zu bewundern. Am Tag des Denkmals jedenfalls wird das Haus ausnahmsweise auch von innen zu besichtigen sein, wo es unter anderem Stuckdecken und Wandmalereireste aus der Bauzeit zu sehen gibt. Wer am Sonntag in der Gegend ist, sollte sich die Gelegenheit also nicht entgehen lassen – und dann am besten gleich auch noch im benachbarten Bad Hall vorbeischauen. (Über die dort zu besichtigende Landesvilla habe ich hier ja erst unlängst geschrieben.) Und für alle, die am Sonntag nicht in der Gegend sind, hier noch einmal der Link zum vollen Programm des Denkmaltags; ich bin sicher, es ist auch in Eurer Nähe etwas Interessantes dabei.

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Anmerkungen:

(1) 59. Programm des Kais. Kön. Obergymnasius der Benediktiner zu Kremsmünster für das Schuljahr 1909, Linz 1909, S. 104.

(2) Theoderich Hagn, Das Wirken der Benediktiner-Abtei Kremsmünster für Wissenschaft, Kunst und Jugendbildung. Ein Beitrag zur Literatur- und Kulturgeschichte Österreichs. Linz 1848  (auch online verfügbar). Die Zitate finden sich auf den Seiten 65-66.

(3) Außer natürlich es fänden sich in irgendeinem Archiv noch genaue Aufzeichnungen über Grubers Finanzgebaren. Das wäre dann sogar ein schönes Dissertationsthema, das Ganze aufzuarbeiten. Als potentiellen Titel schlage ich vor: „Wo war die Leistung des Hofmeisters? Unredliches Wirtschaften und persönliche Bereicherung im Oberösterreich des 18. Jahrhhunderts“.

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A fine rococo building, the Hörtenthallerhaus in Kremsmünster was built by one Joseph Anton Gruber around 1760/70. Gruber, who was knighted in 1765, was in charge of the financial administration of Kremsmünster Abbey, just across the street from his splendid home. In the 19th and early 20th century, however, the abbey’s own historians frequently accused Gruber of misappropriation, calling him heinous and unscrupulous. So that explains how he could afford such a lordly mansion…

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