Bürgerhaus, Kremsmünster (Oberösterreich)

Zweierlei Beschriftung

Der Ort Kremsmünster wird bis heute vom im Jahr 777 gegründeten Benediktinerstift gleichen Namens beherrscht. Etwas überspitzt formuliert könnte man sogar behaupten, der Ort sei im Grunde bloß so etwas wie ein Anhängsel zum Stift, jedenfalls ist er als ein solches erst im Lauf des Hochmittelalters entstanden. Dennoch lohnt es sich bei einem Besuch in Kremsmünster, nicht nur das Kloster, sondern auch das daruntergelegene Dorf zu besichtigen, ist in dessen Kern doch eine ganze Reihe ansehnlicher Häuser aus der Frühen Neuzeit erhalten. Dazu zählt auch das hier gezeigte Bürgerhaus, das nach verschiedenen früheren Besitzern wechselweise als Mödlhammerhaus oder als Salomonhaus bekannt ist. An der glatt verputzten Fassade sticht markant das steinerne Portal hervor, der Form nach ein sogenanntes Schulterbogenportal, wie es vor allem im Spätmittelalter beliebt war. Dass wir es im konkreten Fall allerdings mit einem Gebäude, das lange nach dem Ende des Mittelalters entstand, zu tun haben, verrät die große Inschriftentafel über dem Portal: Sie zeigt in flachem Relief die Jahreszahl 1616, wobei zwischen die beiden Sechzehner noch ein Hauszeichen eingeschoben ist.

An dem Haus gibt es allerdings noch eine weitere Beschriftung, die gänzlich anderer Art, meiner Meinung nach aber nicht minder faszinierend ist: Auf dem gelben Putz ist in kontrastierender roter Farbe quasi das Firmenschild der Eisen- und Farbwarenhandlung eines gewissen Eduard Salomon, die sich einst hier befand, gemalt:

In Großbritannien, wo sie häufiger vorkommen als hierzulande, sind solche alten, gemalten Firmen- und Werbeschriften an Hausfassaden als ghost signs bekannt und haben mittlerweile regelrechte Fanclubs. Es gibt dort inzwischen eigene Blogs und Facebook-Seiten, die sich der Dokumentation dieser oft schon im Verschwinden begriffenen Textzeichen verschrieben haben. Am Verschwinden ist leider auch Eduard Hausers Geschäftsbeschriftung in Kremsmünster; sie ist bereits stark verblasst und wird wohl nicht mehr lange zu sehen sein: Wie man an den leeren Fensterrahmen im obigen Bild erkennen kann, wird das Haus gerade renoviert, und es ist wohl zu erwarten, dass dabei auch die Fassade neu verputzt wird. Ja, vielleicht ist das sogar bereits geschehen, denn es ist inzwischen auch schon wieder einige Wochen her, dass ich das Foto gemacht habe. Vielleicht zeigt es also wirklich ein ghost sign im wahrsten Sinn des Wortes, die Spur einer Beschriftung, die vor Ort schon gar nicht mehr vorhanden ist…

Zum Abschluss sei noch ein Hinweis für Kurzentschlossene hinzugefügt: Nicht nur in Großbritannien, sondern auch hierzulande gibt es immer mehr Interessierte, denen das Sammeln alter (nicht nur gemalter) Geschäfts- und Gebäudebeschriftungen ein Anliegen ist. Im Rahmen der Vienna Design Week findet daher heute, 3. Oktober, von 16 bis 22 Uhr im Wien Museum eine Veranstaltung zum Thema „Schrift in der Stadt“. Nähere Infos dazu gibt es auf Susanne Breuss‘ Alltagsdinge-Blog.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Oberösterreich abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s