Ehm. Hofrichterhaus, Scheibbs (Niederösterreich)

Aller guten Dinge, heißt es, sind drei. Ob das wirklich so stimmt, sei dahingestellt, aber ich verwende es jetzt mal als Vorwand, um hier zum dritten Mal in Folge ein Portal mit einer Jahreszahl zu posten. Diesmal handelt es sich um ein Barockportal, allerdings, wenn man so will, in einem noch recht verhaltenen Frühbarock, dem man die Abstammung aus der Renaissance durchaus noch ansieht. Es ist geprägt nicht etwa von plastischem und dekorativem Überschwang, sondern von einer sehr flachen, eleganten Rustizierung und der Bekrönung durch einen schlichten Dreiecksgiebel. Im Giebelfeld erkennt man die Jahreszahl 1651 und das Wappen der Kartause Gaming. Letzteres verweist auf die ursprüngliche Funktion des Gebäudes als Haus des Gaminger Hofrichters, woraus sich auch die oft gebrauchte Bezeichnung Gamingerhaus bzw. Gamingerhof erklärt.

Schon seit der Gründung Gamings durch Herzog Albrecht II. im Jahr 1330 befand sich die Verwaltung der klösterlichen Güter nicht in der Kartause selbst, sondern im nahegelegenen Markt Scheibbs, der 1352 zur Stadt erhoben wurde. Zunächst hatten die Gaminger Amtsleute und Hofrichter alle ihren Sitz im Scheibbser Schloss, doch wurde 1651 in unmittelbarer Nachbarschaft davon ein eigenes Hofrichterhaus erbaut – wohl die Folge des zunehmenden Ausbaus und der zunehmenden Differenzierung des Verwaltungswesens im Lauf der Frühen Neuzeit. In gewisser Weise entspricht dieses Hofrichterhaus auch dem, was man sich von Amtsarchitektur erwartet: Es ist ausgesprochen schlicht und funktional gehalten, ein kastenartiger Bau mit Walmdach und einfachen Fensterrahmungen, an dem nur das erwähnte Portal einen Akzent in der weißverputzten Fassade setzt. Allerdings lässt sich natürlich nicht ganz ausschließen, dass es ursprünglich noch weitere Akzente durch Fassadenbemalung gab, und seien sie auch nur so sparsam gesetzt gewesen wie beim Gaminger Meierhof in Neuhaus am Zellerrain, über den ich hier vor einiger Zeit schon einmal geschrieben habe.

Einen auffälligen Farbtupfen gibt es am Hofrichterhaus in Scheibbs aber doch, wenn auch nur an einer der Seitenfassaden: ein modernes Mosaik mit dem Hinweis darauf, dass in diesem Haus im Jahre 1670 Berthold Dietmayr geboren wurde. Wie der Geburtsort nahelegt, war Dietmayr Sohn des damaligen Gaminger Hofrichters, allerdings ging er selbst quasi zur Konkurrenz, nämlich zu den Melker Benediktinern. (Zur Veranschaulichung für jene, die die Gegend nicht kennen: Scheibbs liegt etwa 15 Kilometer nordöstlich von Gaming und 30 Kilometer südwestlich von Melk.) Bereits im Jahr 1700, also im Alter von 30 Jahren, wurde Dietmayr zum Abt von Stift Melk erhoben, wenig später wurde er auch Rektor der Wiener Universität und kaiserlicher Ratgeber. Alles in allem also eine nicht ganz unbedeutende Persönlichkeit, die auch einen Fixplatzt in der österreichischen Kunst- und Architekturgeschichte einnimmt. Es war nämlich Berthold Dietmayr, der 1702 Jakob Prandtauer mit dem barocken Neubau von Stift Melk beauftragte und damit zum Bauherrn von einem der zu Recht berühmtesten Baudenkmäler Österreichs avancierte. Bedenkt man, dass er dafür die vollständige Zerstörung der mittelalterlichen Klosteranlage in Kauf nahm, wirkt es freilich ein wenig befremdlich, dass im Gedenkmosaik an seinem Geburtshaus in Scheibbs ausgerechnet eine Schrift verwendet wird, die deutlich an mittelalterliche Schriftformen angelehnt ist. Vermutlich wurde diese Schriftform einfach darum gewählt, um so etwas wie Historizität und Altehrwürdigkeit zum Ausdruck zu bringen, aber ich habe so meine Zweifel, ob man der Persönlichkeit Dietmayrs damit gerecht wird…

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