Haus „Zur goldenen Birne“, Wien III

Im vorigen Beitrag ging es um ein Barockhaus am Wiener Spittelberg, das als Haus „Zum steinernen Christkindl“ bekannt ist, nach einem ehemaligen Hauszeichen aber auch „Zur goldenen Birne“ genannt wird. Goldene Birnen scheinen früherszeiten recht beliebte Hauszeichen gewesen zu sein, vor allem an Gasthöfen und Hotels, denn Häuser dieses Namens gab bzw. gibt es unter anderem in Salzburg, Graz und Prag. Und auch in den Wiener Vorstädten existier(t)en gleich mehrere Häuser „Zur goldenen Birne“. Neben dem schon genannten am Spittelberg gibt es etwa ein weiteres in der Josefstadt (Ecke Auerspergstraße/Trautsongasse); es stammt aus dem späten 18. Jahrhundert und hatte während des Winters 1819/20 in Ludwig van Beethoven einen prominenten Mieter.

Beethoven verkehrte aber auch im seinerzeit bekanntesten Wiener Haus gleichen Namens, dem Wirtshaus „Zur goldenen Birne“ an der Landstraßer Hauptstraße. 1701 erstmals erwähnt, erfreute sich dieses vor allem in der Zeit des Biedermeiers regen Zulaufs: Neben Beethoven zählten auch Adalbert Stifter, Nikolaus Lenau, August Heinrich Hoffmann von Fallersleben und Honoré de Balzac zu den Gästen und Bewohnern dieses Gasthofes. Robert Musil schließlich setzte, fast ein Jahrhundert nach den zuvor Genannten, der „Goldenen Birne“ auf der Landstraße mit der Novelle „Der Vorstadtgasthof“ (1924) so etwas wie ein literarisches Denkmal, wenn auch kein allzu schmeichelhaftes. All das ist weithin bekannt und auch im Internet mittlerweile an vielen Stellen nachzulesen, etwa in diesem Artikel der Wiener Zeitung oder im neuen Wien Geschichte Wiki. Gemeinsam ist diesen Beiträgen allerdings, dass sie zeitlich nicht über Musil hinausgehen – das Wien Geschichte Wiki hält zum Abschluss bloß lapidar fest: „1935 erfolgte ein Neubau.“

Dieser Neubau allerdings verdient es durchaus ebenfalls, beachtet zu werden – womit ich nun endlich beim eigentlichen Thema dieses Posts angekommen wäre, nämlich bei dem sachlich-eleganten 30er-Jahre-Wohnhaus, das oben im Foto zu sehen ist und mit seinem Vorgängerbau nur mehr die Adresse und den Namen gemeinsam hat. Errichtet wurde es von einem gewissen Karl Wilhelm Schmidt (1883-1972), einem Architekten, der vor allem im Wien der Zwischenkriegszeit aktiv war, über dessen Leben man sonst jedoch kaum etwas weiß. Bekannt ist immerhin, dass er in Frankfurt am Main geboren wurde, und man nimmt an, dass er auch seine Ausbildung in Deutschland erfuhr, aber schon das ist im Grunde bloße Spekulation. Es erscheint aber insofern plausibel, als Schmidt sich den funktionalistischen Idealen und der reduzierten Ästhetik des Neuen Bauens, wie sie zur gleichen Zeit vom deutschen Bauhaus propagiert wurden, verpflichtet zeigt, und das ganz besonders beim Haus „Zur goldenen Birne“. Wie es auf architektenlexikon.at formuliert wird, besticht dessen „symmetrisch strukturierte[r] Baukörper […] durch seine harmonische Proportionierung, die insbesondere durch die zentrale Gruppierung der dreiteiligen, von Eckloggien gerahmten Fenster erzielt wird.“ Damit stellt das Gebäude – ähnlich dem nur wenig älteren Hochhaus in der Herrengasse – einen der für Wien damals seltenen Versuche dar, so etwas wie einen mondänen und modernen Wohnbau für den urbanen Raum zu schaffen. Und bei aller Liebe zu Beethoven und Biedermeier erscheint es mir daher fast bemerkenswerter als jeder noch so legendäre Alt-Wiener Vorstadtgasthof…

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2 Antworten zu Haus „Zur goldenen Birne“, Wien III

  1. gunst01 schreibt:

    Die Birne ist ein altes fruchtbarkeitssymbol das häufig auf Matronensteinen zu finden ist. Auch im Mittelalter war das Symbol noch sehr beliebt .Da galt der Birnbaum wegen seiner „makellosen“ weißen Blüten als Symbol der Muttergottes, der ohne Erbsünde geborenen Makellosen. So ist es nicht verwunderlich, dass auf Marienbildern die Birne zu finden ist. Ebenso ist die Birne auf Bildern oder Statuen von Anna Selbdritt abgebildet. Das Jesuskind nimmt eine (goldene) Birne entweder aus der Hand seiner Mutter Maria oder seiner Großmutter Anna. Also hat die goldene Birne durchaus einen kulurellen Hintergrund.

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