Haus „Zum roten Apfel“, Wien III

Nachdem in den letzten beiden Beiträgen viel von nicht erhaltenen Hauszeichen die Rede war, fühle ich mich geradezu verpflichtet, nun doch auch noch ein erhaltenes nachzureichen. Mit einer goldenen Birne kann ich zwar nicht dienen, aber immerhin mit einem (ehemals) roten Apfel. Er schmückt bis heute das kleine Vorstadthaus Landstraßer Hauptstraße 70, das daher auch den Namen „Zum roten Apfel“ trägt. Es wurde 1787 vom Baumeister J. G. Bock im damals gängigen klassizistischen Stil mit Plattendekor an der Fassade errichtet. Der heute noch an der Straßenfront angebrachte Apfel könnte durchaus noch aus der Bauzeit stammen, jedenfalls deutet sein nicht ganz frischer Erhaltungszustand auf ein gewisses Alter… [Update 27.10.2016: Offenbar handelt es sich doch nur um ein neueres Imitat des ursprünglichen Hauszeichens – vgl. den Hinweis in den Kommentaren am Ende des Posts.]

Ein noch weit höheres Alter des Hausnamens und des dazugehörigen Zeichens postuliert eine Sage, die Moritz Bermann 1865 in seinen Sagen und Geschichten aus der Kaiserstadt Wien herausgab. Es ist ja für Hauszeichen relativ typisch, dass man in späteren Zeiten meist frei erfundene, fantastische Erzählungen an sie knüpfte, um die Wahl eines bestimmten Gegenstandes zu erklären. Einen historischen Kern haben diese Sagen nur in den seltensten Fällen, und auch bei Bermanns Geschichte unter der Überschrift Zum roten Apfel handelt es sich dermaßen offensichtlich um ein Pasticcio aus dem Märchen vom Wacholderbaum und dem Märchen vom singenden Knochen, dass es sich erübrigt, nach dem Wahrheitsgehalt zu fragen. Dennoch will ich mir erlauben, die Sage im Folgenden ungekürzt wiederzugeben, denn wie man in Italien so schön sagt: Se non è vero, è ben trovatowenn es nicht wahr ist, ist es doch gut erfunden, und mit ihren schaurigen und blutrünstigen Details passt die Geschichte, finde ich, ganz gut für einen langen Winterabend. Also:

Um das Jahr 1360 lebte in der Vorstadt St. Niklas an der Landstraße in seinem eigenen Hause Herr Albrecht, der „Kinderlieb“ beigenannt, mit seiner Hausfrau Elisabeth in sehr glücklicher Ehe zusammen. Ihre Eigenschaften ließen sie den Himmel schon auf Erden haben, denn sie waren gesund, gut, fromm und reich. Ein Söhnlein vollendete ihr Glück, aber kurz nach der Geburt desselben starb die brave Mutter.

Längere Zeit trauerte der redliche Witwer, aber endlich fühlte er doch, daß sein kleines Söhnlein der mütterlichen Pflege bedürfe, und führte daher eines schönen Tags eine Stiefmutter in das Haus. Mit ihr zog kein neues Glück ein. Wenn auch ein behendes, regsames Weib in der Hauswirtschaft, liebte sie doch guten Schmaus und frohe Gesellschaft mehr, als zum Besten einer ordentlichen Hausfrau ratsam erscheint, und da dies dem friedlichen Manne nicht behagte, gab es des Lärmens und Scheltens in Hülle und Fülle. Wenig nützte es, daß sie ein Jahr nach der Ehe ein hübsches Töchterlein ins Haus brachte. Mit ihm war kein besserer Geist in das Hauswesen eingezogen. Dem Söhnlein der Verstorbenen war es bisher leidlich ergangen, die Frau hatte sich um das Kind wenig oder gar nicht gekümmert; mit dem Erscheinen des Töchterleins aber änderte sich ihr Benehmen gegen den Kleinen gewaltig. Nicht bloß, daß sie von ihm gar nichts mehr wissen wollte, sie mißgönnte ihm alles und jedes in der Meinung, es würde dadurch ihrem Töchterlein entzogen. Um des lieben Hausfriedens willen durfte der Vater nicht einmal seinen Sohn im Kämmerlein besuchen, wenn er nicht das böslichste Ungewitter am Halse haben wollte.

Aber Gottes Schutzengel wachte über dem Knäblein; es wuchs heran und gedieh wunderbar, trotz der Vernachlässigung durch die Stiefmutter und den eigenen Vater, der keine Zeit fand, den Sohn zu besuchen: so hielt ihn die Mutter mit ihrem Töchterlein in Atem.

Einige Jahre verflossen, die beiden Geschwister hatten sich noch gar nicht gesehen.

Eines Tags – die Eltern waren eben außer Hause – trafen sie sich mit ihren Wärterinnen im Garten. Erstaunt betrachteten sie sich und fühlten sich gleich zueinander hingezogen.

„Wer bist du, liebes Mädel?“ fragte der Knabe.

„Ich bin das Töchterlein vom Hause. Und du?“

„Ich bin das Söhnlein vom Hause.“

„Wie? du bist also mein Brüderlein? Und die Mutter hat mir nichts davon gesagt?“

„Und du mein Schwesterlein, das mir Vater versprochen, wenn ich fromm sein würde? O, wie hübsch ist es, daß ich dich gefunden habe!“

Die Kinder umarmten und küßten sich, spielten miteinander und waren überglücklich.

Die Stiefmutter war beim Nachhausekommen sehr unwillig darüber, daß die Geschwister sich kennen gelernt hatten, indes war ihr Töchterlein so erfreut über den Fund, daß die Mutter nachzugeben bereit war und die Kinder nicht trennte. Die Freundschaft der Stiefgeschwister befestigte sich immer mehr, und als einst bei eines Todeskrankheit des Mädchens der Knabe Tag und Nacht an der Schwelle wachte und sein Leben dem Arzte für das der Schwester anbot, als er für die Genesende Sorge trug wie niemand im Hause, da rührte diese zarte Liebe selbst das Herz der schlimmen Stiefmutter, und der Knabe durfte wieder Anteil nehmen an allen Begebenheiten im Hause.

Eines Tages ließ sich aber der Vater in seiner Unvorsichtigkeit beikommen, von seinem Tode zu reden, und wie er gedenke, ein Testament zu machen, in welchem beide Kinder gleiche Teile seines Vermögens erhalten sollten. Das war ein Donnerschlag für die Stiefmutter, und von da an faßte der Gedanke Raum in ihrem schwarzen Herzen, den Sohn aus der Welt zu schaffen.

Der Vater war verreist, man wußte, er werde am nächsten Tage zurückkehren. Da rief die Stiefmutter abends den Knaben zu sich und sagte zu ihm: „Ich will die heute ein Vergnügen machen und dir einen schönen roten Apfel schenken. Gehe hinauf auf den Dachboden, da steht gleich links neben der Treppe eine Truhe, in der viele Äpfel liegen. Der Deckel ist offen, nimm dir den schönsten und verzehre ihn dann mit deinem Schwesterchen.“

Der Knabe ließ sich dies nicht zweimal sagen, sondern eilte flüchtigen Schritts die Treppe hinan, die Stiefmutter auf besonderem Wege ihm nach, und als der Knabe sich über die offene Truhe beugte, um sich einen schönen Apfel auszusuchen, ließ das böse Weib die eisenbeschlagene dicke Klappe nieder, so daß der Kopf des Kleinen abgehauen in die Truhe fiel und die Äpfel mit den frischen Rosen seines Bluts betaut wurden. Der entseelte Leib fiel rücklings zur Erde. Die entartete Frau holte den Kopf hervor, drückte ihn auf den Rumpf und sagte höhnisch: „Da, du schändlicher Bube, da hast du das Erbe, welches du meinem Töchterlein gestohlen, nun kann der Vater über sein Geld zu deinen Gunsten verfügen.“ Darauf wickelte sie die Leiche in ein Linnen, trug sie hinab in den Garten und verscharrte sie neben einem Fliederbaume, der gerade in voller Blüte stand. Nach geschehener Tat ging sie zu ihrem Töchterlein, sagte ihr, der Bruder sei dem Vater nachgegangen, und hieß es allein spielen. Das Mädchen aber war traurig und weinte bitterlich.

Am andren Tage kam der Vater zurück und setzte sich mit der Familie zu Tische. Er vermißte sogleich den Knaben und fragte nach ihm.

„Wie?“ fragte die Stiefmutter, „du weißt nicht, wo der Kleine ist? Er ging dir ja nach, du mußt ihn bei dir haben.“

Der Vater erbleichte. „Ich habe das Kind nicht gesehen!“ rief er. „Man muß sogleich Leute ausschicken, die es suchen.“

Dies geschah, und einstweilen setzte sich der Vater, banger Sorgen voll, in seinen Lehnstuhl am Fenster.

Plötzlich begann die Uhr zu schlagen, und im Gehäuse ertönte eine schnarrende Stimme:

„Stiefmutter hat mich getötet,
Mein Blut den Boden gerötet;
Purr, purr, purr, purr, purr, purr!
Bin ihre Totenuhr!”

“Ist mir’s doch,” sagte der Hausvater, „als klänge eine menschliche Stimme aus der Uhr! Nur verstehe ich nicht die Worte.“

Aber die Stiefmutter hatte sie verstanden, und schaurig kalt rieselte es durch ihre Glieder. Sie beredete den Mann, mit ihr in den Garten zu gehen. Dort setzte er sich unter die Bäume. Aber da rauschte es in den Zweigen, und sie sangen:

„Stiefmutter hat mich getötet,
Mein Blut den Boden gerötet;
Es saust die Abendluft
Gar bald um ihre Gruft.“

„Frau,“ sagte der Mann, „hab‘ ich denn mittags so viel Wein getrunken, daß mir das Gehirn wirblig ist? Plaudern die Bäume oder singen sie, ich vernehme wieder Worte, obwohl ich sie nicht recht auffasse.“

Die zitternde Frau erhob sich und führte ihren Mann in das Haus zurück. Als sie aber am Fliederbaum vorbeikam, sah sie eine weiße Gestalt unter demselben sitzen, ein Vöglein umkreiste den Baum und zwitscherte laut:

„Stiefmutter hat mich getötet,
Mein Blut den Boden gerötet;
Zum Sterben bereite dich,
Der Todesengel bin ich!“

„Barmherzigkeit!“ wimmerte die Mörderin und klammerte sich fieberkrank an den Gatten, der sie schnell ins Haus führte, denn ihr Zustand erregte seine Besorgnis.

Kaum aber hatte sie die Schwelle betreten, auf welcher sie die Magd mit einem Licht empfing, da brach das Fieber in voller Stärke aus. „Schafft die Uhr und den Fliederbaum weg!“ rief sie in einem fort. Der Mann glaubte, dem Willen der augenscheinlich schwer erkrankten Frau nachgeben zu müssen, und stieg auf einen Stuhl, um die Uhr von ihrem Gestelle herabzunehmen, stieß aber dabei an einen großen schönen Apfel, der daneben lag, so daß er mit starkem Geräusche herabfiel und mitten in die Stube kollerte.

Erschreckt sah die Leidende auf; kaum aber gewahrte sie den Apfel, so überfiel sie voller Wahnsinn.

„Elender Bursch,“ rief sie, „selbst im Grabe läßt du nicht ab, dich deinem Vater aufzudrängen? Zur Hölle mit dir!“ Und sie raffte sich auf, eilte laut heulend die Treppe hinan auf den Dachboden – als sie aber an die verhängnisvolle Truhe stieß, da kollerten die Äpfel darinnen durcheinander, es schien ihr, als ob Hunderte von grinsenden, blutenden Köpfen sie umkreisten, sie schwang sich durchs Fenster auf das Dach hinaus, stürzte hinab und blieb zerschmettert auf den Steinen des Hofes liegen.

Kaum war sie aber tot, so bebte die Erde, das Grab unter dem Fliederbaum öffnete sich und das Söhnlein stand gesund und wohlerhalten an der Seite des überglücklichen Vaters, der niederkniete und Gott für das wiedergefundene Kind dankte.

Seit dieser Zeit trägt das Haus auf der Landstraße, Hauptstraße Nr. 72 (früher 289) das Schild „zum roten Apfel“, und die Sage erhielt sich noch lange und wurde den Kindern erzählt. – Die eigentliche Tatsache ist aber folgende: Der Knabe hatte sich in der Dunkelheit, die in jenem Teil des Dachbodens herrschte, nicht zurechtfinden können und war auf einen andren Boden geraten. Als die böse Frau einen Knaben vor der Truhe knien sah, vollführte sie ihren Mordanschlag und schaffte schleunig das Opfer aus den Augen in die Grube; es war aber ein Nachbarkind, das schon öfter, um zu naschen, diesen Ort besucht hatte und statt des eigentlichen Opfers getötet wurde. Unfreiwillig war der Stiefsohn vom Dachboden aus Zeuge der Tag und getraute sich nicht eher herunter, als bis der Vater zurückgekehrt war, was er erst nächsten Tags gewahrte, als derselbe unter dem Fliederbaume saß.

(aus: Sagen und Geschichten aus der Kaiserstadt Wien. Für die reifere Jugend von Moritz Bermann. Dritte neu bearbeitete Auflage besorgt von Prof. Dr. Friedrich Umlauft, Stuttgart [1907], S. 62-68.)

Soweit die Sage. Mit der tatsächlichen Geschichte des Hauses hat sie, wie oben erwähnt, nichts zu tun, und ich will zu Bermanns kitschig-frommer Schauergeschichte auch gar nicht mehr sagen. Auf ein Detail muss ich dann aber doch noch eingehen: Bermann schreibt, das fragliche Haus befinde sich „auf der Landstraße, Hauptstraße Nr. 72 (früher 289)“. Diese Angabe ist nicht ganz richtig, denn wie ein Vergleich des heutigen Stadtplans mit dem Vasquez-Plan von ca. 1830 zeigt, entspricht die alte Konskriptionsnummer 289 nicht der neuen Hausnummer 72, sondern der Nr. 70. Es ist auch tatsächlich, wie eingangs schon gesagt, das Haus Nr. 70, an dem sich das oben gezeigte Hauszeichen befindet und das auch in der Österreichischen Kunsttopographie unter der Bezeichnung „Zum roten Apfel“ geführt wird.

Allerdings befindet sich auch an der Fassade der Nr. 72 ein wohl als Hauszeichen zu deutender hölzerner Apfel unbestimmten Alters, und an der gleichen Adresse gibt es ein Café „Zum roten Apfel“:

Die zwei roten Äpfel an der Fassade des Hauses Landstraßer Hauptstraße 72

Und noch ein Haus weiter, auf Nr. 74, bestand in den 1960ern die Galerie „Zum roten Apfel“, die in der Geschichte der Wiener Kunst-, aber auch der Jazz-Szene eine nicht unbedeutende Rolle spielte. Ein ganzer Gebäudekomplex roter Äpfel sozusagen, der sich da an der Landstraßer Hauptstraße findet.

Die Häuser Landstraßer Hauptstraße 74, 72 und 70

Und das ist noch nicht alles: Wie die goldene Birne kam auch der Apfel häufiger als Hauszeichen vor, und in Wien gab es auch an anderen Orten noch Häuser mit dem Namen „Zum roten Apfel“. Eines davon befand sich im Vierten Bezirk, wo es der Apfelgasse ihren Namen gab, zwei weitere fand man in der Innenstadt, nämlich an der Ecke Postgasse/Laurenzerberg respektive in der Singerstraße. (Letzteres diente übrigens von 1812 bis 1820 als Sitz des damals neugegründeten Wiener Musikvereins.) Aber gut, in der Sage ist ja von einer ganzen Truhe voll Äpfeln die Rede, es waren also sicher genug davon da, um gleich mehrere Häuser damit zu bestücken…

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2 Antworten zu Haus „Zum roten Apfel“, Wien III

  1. Dr. Michael Lorenz schreibt:

    Laut Robert Messner („Die Landstraße im Vormärz“, S. 106) ist dieses Hauszeichen ein neueres Imitat.

    • c. n. opitz schreibt:

      Danke für den Hinweis – ich war mir nie so ganz sicher, von wann dieser Apfel denn nun wirklich stammt. Werde gleich noch im Text einen entsprechenden Vermerk einfügen.

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