Kapelle und Einsiedelei beim Siebenbrünnl, Türnitz (Niederösterreich)

Eine kleine Barockkapelle, daneben zwei Holzhäuschen, direkt an der B20 zwischen Türnitz und Annaberg bei Mariazell. Wer heute hier mit dem Auto vorbeikommt, nimmt das Bauensemble am Straßenrand meist nur im Vorüberfahren aus dem Augenwinkel wahr und hat es einen Moment später auch schon wieder aus dem Blick verloren. Aber ohnehin ist man nach wenigen Minuten Fahrt schon im nächsten Ort angelangt und wendet seine Aufmerksamkeit bereits anderen, neuen Eindrücken zu.

Ganz anders muss die Kapelle freilich gewirkt haben, als sie gerade frisch erbaut war, als die sie umgebende Waldgegend des Traisentals noch eine regelrechte Waldeinsamkeit war und als die meisten Besucher hier noch zu Fuß vorbeikamen, nämlich als Pilger auf dem Weg nach Mariazell. Einen Eindruck von dieser Wirkung vermittelt noch heute die Beschreibung, die der hier schon einmal zitierte Franz Xaver Schweickhardt im Jahr 1837 von der Kapelle und der dazugehörigen Einsiedelei – denn um nichts anderes handelt es sich bei den erwähnten Häuschen daneben – gab:

Der Anblick dieser Capelle, mit einer Quelle, die sich aus sieben Röhren in ein Becken von rothem Türnitzer-Marmor ergießt, bereitet dem Reisenden und dem Pilger eine höchst angenehme Ueberraschung; denn er wandelte durch die wildschauerlichste Partie dieser Gebirgsgegend, in einer Schlucht von unwirthbaren, felsengethürmten Bergen eingeengt, ohne der entferntesten Ahnung eines ergötzenden Anblickes. Plötzlich schimmert ihm aus dem Dunkel der Fichten die Capelle mit ihrer schönen Bauform, mit ihren korintischen Säulen, und ihrer runden Laternkuppel entgegen, und bringt ein liebstrahlendes Licht in das Düstere der Umgegend. (…)

Georg Wagner, ein bürgerlicher Handelsmann von Wien, erbaute im Jahre 1729 diese Capelle nebst zwei Einsiedler-Wohnungen, und errichtete darauf eine wöchentliche Stiftmesse. Im Jahre 1789 hatte sie mit allen Capellen gleiches Schicksal; sie wurde gesperrt, und der Pfarrer ermächtigt, die Stiftmesse in der [Türnitzer] Pfarrkirche zu lesen. In der Folge wurde zwar die Capelle wieder eröffnet, ohne jedoch eine Aenderung in der Stiftmeß-Einrichtung zu erhalten. Auch hatte diese schöne Capelle der verwüstende Zahn der Zeit schon dergestalt angenagt, daß sie eine Ruine zu werden drohete; und nur der Sorgfalt des Pfarrers Anton Mohr ist es zu danken, daß sie erhalten und dem Armen-Institute der da durch die Wallfahrer jährlich eingehende bedeutende Zufluß gerettet wurde.*

Zum Verständnis des letzten Satzes sei erklärend hinzugefügt, dass die Spenden, welche die Pilger in der Kapelle tätigten, dem Türnitzer Armenhaus zukamen. Ein Teil dieser Einnahmen kam ursprünglich auch aus dem Verkauf von Wasser aus dem erwähnten Brunnen mit den sieben Rohren – eben dem namensgebenden Siebenbrünnl – durch die Einsiedler an die Wallfahrer. Freilich dürfte dieser Brauch bereits abgekommen gewesen sein, als Schweickhardt seine Beschreibung verfasste, denn schon 1830 heißt es, dass die letzten hier ansässigen Einsiedler hochbetagt verstorben und ihre Behausungen mittlerweile von Holzfällern bewohnt waren.**

Damit war auch die Kapelle beim Siebenbrünnl um eine Attraktion ärmer, denn wie ein Pilgerführer von 1826 vermerkt, galt das Interesse der Wallfahrer durchaus auch den Einsiedlern oder korrekter gesagt dem Einsiedler, denn damals war schon nur noch einer von ihnen am Leben: „Der Einsiedler ist ein Mann von 85 Jahren, aber doch noch gesund und regsam. Obschon Jedermann neugierig ist seine Wohnung zu sehen, so gestattet er Niemanden den Eintritt, auch nicht einmahl bey seinem Fensterchen das Hineinsehen.“***

Heute, scheint es, stehen die Gebäude der ehemaligen Einsiedelei lange schon leer, und auch wenn man inzwischen ungehindert bei den Fenstern hineinschauen kann, ist durch die schmutzigen Scheiben nichts Nennenswertes mehr zu erkennen. Nur bei dem Häuschen gleich neben der Kapelle verweist ein verblasstes Kreuz an der Fassade des gemauerten Erdgeschosses noch auf die ursprüngliche Zweckbestimmung, doch wer weiß, wie lange es noch sichtbar bleiben wird. Der Fassadenputz ist längst schon am Bröckeln…

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* Franz Xaver Schweickhardt, Darstellung des Erzherzogthums Oesterreich unter der Ens. Sechster Band: Viertel Ober-Wienerwald, Wien 1837, S. 88-89. (Online-Version)

** Vgl. Wolfgang Krug (Hg.), Malerische Wallfahrt nach Mariazell in Aquarellen von Eduard Gurk, Salzburg 2014, S. 148.

*** Johann Hofmann, Der Pilger nach Maria-Zell, Wien 1826, S. 71. (Online-Version)

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