Dormitorium, Stift Heiligenkreuz (Niederösterreich)

Zu einer Blogparade unter dem Titel #Raumgefühl hat schon im Dezember die Architektur- und Reise-Bloggerin Anett Ring aufgerufen, und seit damals habe ich eigentlich beständig darüber nachgedacht, mit welchem Beitrag, mit welchem Gebäude ich mich daran am besten beteiligen sollte (denn dass ich daran teilnehmen wollte, stand für mich von Anfang an außer Frage). Bei allem hin und her Überlegen war es letztlich aber doch immer wieder derselbe Raum, oder besser gesagt derselbe Raumtyp, der sofort vor meinem geistigen Auge erschien, sobald mir das Wort „Raumgefühl“ in den Sinn kam, nämlich das Dormitorium eines mittelalterlichen Zisterzienserklosters.

Unter Dormitorien (von lat. dormire = schlafen) versteht man die gemeinsamen Schlafsäle der Mönche bzw. Nonnen, wie sie ehemals vor allem bei den Benediktinern und Zisterziensern üblich waren – Räume also, die, um ihrer Funktion gerecht zu werden, relativ viel Platz bieten mussten, aber nur wenig Licht brauchten. Das Ergebnis waren in der Regel langgestreckte, zugleich aber weite Säle mit nur wenigen Fenstern, die auch heute noch ein unregelmäßiges, gedämpftes Licht im Raum entstehen lassen. Das Ergebnis waren damit aber auch Räume, die – trotz zahlreicher architektonischer Unterschiede im Detail – in allen Klöstern der Zisterzienser erstaunlich ähnlich ausgefallen sind und bei ihrem Besuch immer eine recht ähnliche Stimmung in mir hervorrufen, ganz gleich ob sie sich nun in der portugiesischen Abtei von Alcobaça, in der englischen Cleeve Abbey oder eben im österreichischen Stift Heiligenkreuz bei Wien befinden.

Das Heiligenkreuzer Dormitorium ist eine beeindruckende dreischiffige Halle mit 51 Metern Länge und 13 Metern Breite, bedeckt von einem wuchtigen gotischen Gewölbe, das eine Höhe von fast sechs Metern erreicht. Wie die meisten anderen Klausurgebäude des Stifts wurde es wohl im Wesentlichen zwischen 1236 und 1240 errichtet, und als Kunsthistoriker sollte ich an dieser Stelle nun eigentlich lang und breit ausführen, dass es sich um einen der bedeutendsten frühgotischen Innenräume in Österreich handelt, dass aber möglicherweise das südliche Drittel erst zwei oder drei Jahrzehnte später hinzugefügt wurde, zumindest hat man das vermutet, weil dort die Pfeiler etwas höher und schlanker ausgebildet sind.

Die Sache ist nur, wann immer ich in diesem oder einem ähnlichen Raum bin, ist mir die ganze gotische Formenlehre plötzlich so was von egal. Was meine Aufmerksamkeit dann fesselt, ist hingegen dieses Halbdunkel am anderen Ende des Saals, denn das andere Ende ist immer viel zu weit weg und viel zu schummrig ausgeleuchtet, als dass man dort wirklich etwas erkennen könnte, und man tastet sich langsam vorwärts wie auf dem dämmrigen Dachboden in einem großen alten Haus, tritt je nach Anordnung der Fenster bald unvermutet in einen Lichtkegel, nur um im nächsten Moment schon wieder in Schatten gehüllt zu sein, und irgendwie schleicht sich die vage Erwartung ein, hier längst vergessenen Krempel oder verborgene Schätze entdecken zu können.

Aber natürlich gibt es nichts zu entdecken außer eben den Raum selbst, denn die alten Dormitorien sind längst ihrer Funktion beraubt und heute nicht mehr als riesige, leer stehende Säle, gerade noch dazu gut, vorbeikommende Touristen mit ihrer Größe zu beeindrucken. Allerdings begnügen sich, wie ich schon oft beobachten konnte, die meisten Touristen mit einem kurzen Blick in die Dormitorien und kehren ihnen dann rasch wieder den Rücken, denn es gibt ja darinnen nichts zu sehen, zumindest nichts, das sich auf den ersten Blick erschließt. Das hat die gar nicht einmal unangenehme Auswirkung, dass man in diesen Räumen meistens allein ist und sie ungestört auf sich wirken lassen kann, und vielleicht mag ich sie ja auch gerade deshalb so gern. Es sind ruhige und – so unsinnig das klingen mag – in gewisser Weise langsame Räume. Räume, von denen eine Art meditativer Ruhe ausgeht, paradoxerweise meist viel mehr als in den dazugehörigen Klosterkirchen, in denen es vor Bildern und Besuchern, Goldfiguren und sonstigen Ablenkungen nur so wimmelt.

Also, nicht dass ich prinzipiell etwas gegen Goldfiguren und Bilder einzuwenden hätte. Für mich als Kunsthistoriker sind diese ja quasi mein täglich Brot. Das heißt aber auch, dass mein Kopf beim Betreten einer alten Kirche, eines Klosters, eines Schlosses oder gar eines Museums in der Regel sofort auf Arbeitsmodus stellt, denn schließlich bin ich darauf gedrillt, in solchen Situationen das Gesehene zu deuten, zu datieren und zuzuschreiben. Und auch dagegen gibt es an sich nichts zu sagen. Es macht mir ja Spaß, all das zu tun, sonst wäre ich nicht in diesem Metier tätig (und würde, nebenbei gesagt, auch sicher nicht diesen Blog betreiben). Aber dennoch, wenn ich so ein zisterziensisches Dormitorium betrete, merke ich plötzlich, wie die Maschine ganz von selber aufhört zu arbeiten, wie ihr ständiges Surren und Brummen mit einem Mal verstummt und eine angenehme Stille einkehrt in meinem Kopf. In diesen Räumen verlischt mein Bedürfnis, das Gesehene mit dem Verstand zu analysieren, und was ich wahrnehme, ist bloß diese ganz besondere Stimmung, die in ihnen herrscht. So betrachtet ist es also gewiss kein Zufall, dass mir ausgerechnet diese Dormitorien einfallen, wenn ich das Schlagwort „Raumgefühl“ zu hören bekomme…

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4 Antworten zu Dormitorium, Stift Heiligenkreuz (Niederösterreich)

  1. Anett schreibt:

    Hallo Christian! Danke für deine Perspektive auf diesen spannenden Raum, mit einem, zugleich auch gelungenen, kleinen Einblick in deinen Beruf. Als Architektin kann ich meinen „Berufsblick“ leider nur noch in der Natur abschalten – da bist du klar im Vorteil :-)
    Ich muss zugeben, dass ich mich noch nie intensiv(!) mit Klosterarchitektur auseinander gesetzt habe. Auf den ersten Blick kann ich mir gar nicht vorstellen, wie das Dormitorium wohl mit Betten ausgesehen hat? Gibt es dazu Überlieferungen?
    Wirken sie durch die aufwendig gestalteten Gewölbe nicht auch erdrückend, einschüchternd?
    Viele liebe Grüße,
    Anett

    • c. n. opitz schreibt:

      Hm, als erdrückend habe ich diese Räume ehrlich gesagt noch nie wahrgenommen, dafür sind sie, glaube ich, trotz der „Schwere“ der Gewölbe einfach zu hoch und zu weitläufig. Aber ich bin halt natürlich auch ein Fan von gotischen Gewölben, also ist mein Urteil da sicher alles andere als objektiv ;-) Ich kann mir aber schon vorstellen, dass andere so einen Raum vielleicht nicht ganz so positiv wahrnehmen wie ich.
      Wie so ein Dormitorium voller Betten gewirkt haben muss, kann man sich heute tatsächlich nur schwer ausmalen – ich habe mich das auch schon öfter gefragt, aber leider ist die Quellenlage dazu relativ dürftig. Ursprünglich dürfte es aber wohl überhaupt keine Betten gegeben haben, sondern lediglich Strohsäcke, sofern man das Stroh nicht überhaupt nicht überhaupt nur als weiche Unterlage auf dem Boden ausstreute. Später gönnte man sich dann aber doch den Luxus einfacher hölzerner Bettgestelle, und im Spätmittelalter wurde es sogar üblich, dass man die einzelnen Schlafstellen noch durch Bretterwände oder Vorhänge voneinander abgrenzte. Was wir heute als großen, leeren Einheitsraum wahrnehmen, muss damals also eher wie ein modernes Großraumbüro mit Trennwänden zwischen den Arbeitsplätzen gewirkt haben!
      Liebe Grüße, C.

  2. Alexandra schreibt:

    Lieber Christian !

    Das Stift Heiligenkreuz ist schon etwas ganz besonderes. Betritt man dort die Räumlichkeiten haben diese tatsächlich etwas sehr meditatives und beruhigendes. Darum wählten wir damals Stift Heiligenkreuz als Ausgangspunkt für eine Teilwanderung auf der Via Sacra nach Mariazell. Zeitig in der Früh im Mai, etwas fröstelnd, die Sonne war gerade aufgegangen, konnten wir dort noch den Schluss des Vigils hören.
    Eine einzigartige Stimmung die dort herrscht.

    Liebe Grüße
    Alexandra

    • c. n. opitz schreibt:

      Vielen Dank für den netten Kommentar! Ja, Stift Heiligenkreuz ist schon immer sehr schön und schon allein aufgrund der Lage so mitten im Wienerwald natürlich immer ein lohnender Ausgangs- oder Endpunkt für Wanderungen. Hm, jetzt krieg ich glatt Lust, selber mal wieder hinzufahren – war eh schon wieder viel zu lange nicht dort ;-)
      Liebe Grüße,
      Christian

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