Synagoge, Kobersdorf (Burgenland)

Nicht weit von der Ruine Landsee, um die es hier beim letzten Mal ging, liegt der Ort Kobersdorf, bekannt vor allem für sein frühneuzeitliches Schloss. In architektonischer Hinsicht hat Kobersdorf daneben aber auch noch drei größere Sakralbauten zu bieten, nämlich eine katholische Pfarrkirche, eine evangelische Pfarrkirche und die ehemalige Synagoge – in ihrer Gesamtheit quasi Zeichen der konfessionellen Vielfalt, die für die Region jahrhundertelang charakteristisch war.

Die Geschichte der jüdischen Gemeinde im Ort reichte bis ins Jahr 1526 oder 1527 zurück, ihre Blütezeit erlebte sie dann vor allem ab dem 18. Jahrhundert, als sie zu den berühmten Siebengemeinden im Gebiet des heutigen Burgenlandes zählte. Bekanntlich hatte Paul I. Fürst Eszterházy die 1670/71 von Kaiser Leopold I. aus Wien vertriebenen Juden in seinem Herrschaftsbereich aufgenommen und in (ursprünglich acht, später) sieben Gemeinden angesiedelt, die sich rasch als kleine, aber bedeutende Horte jüdischer Kultur etablierten.

Nun war Kobersdorf zwar gewiss nicht die wichtigste dieser jüdischen Gemeinden im damals noch zu Westungarn gehörenden Burgenland, aber es ist die einzige, deren Synagoge die Zerstörungswellen der Nazizeit einigermaßen intakt überstanden hat.* Errichtet wurde sie 1860 und damit noch vor dem großen Synagogen-Bauboom, der auf die 1867 vollzogene Emanzipation der Juden im Habsburgerreich folgte. Aber zumindest in der ungarischen Reichshälfte war es schon in den Jahren 1859/60 zu weitreichenden Zugeständnissen an die jüdische Bevölkerung gekommen, und es ist verlockend, den Bau der Kobersdorfer Synagoge in Zusammenhang mit diesen Entwicklungen zu sehen. Andererseits muss man aber natürlich dazusagen, dass es in den Metropolen Wien und Budapest bereits zwischen 1854 und 1859 zu imposanten Neubauten von Synagogen gekommen war (Leopoldstädter Tempel bzw. Große Synagoge, beide von Ludwig Förster).

Während jene aber in aufwendigen orientalisierenden Formen errichtet wurden, beschränkte man sich in Kobersdorf auf eine weit schlichtere Lösung, bei der ganz im Stil des romantischen Frühhistorismus, neoromanische mit Neo-Renaissance-Formen kombiniert wurden, ohne dass man sich um so etwas wie Stilreinheit bemüht hätte. Herausgekommen ist ein Bau, der zumindest in seinem dörflichen Umfeld durchaus etwas hermacht, auch wenn ihm das direkt daneben gelegene Schloss Kobersdorf ein wenig die Show stiehlt.

Gerade die unmittelbare Nähe zum Schloss ist aber einer der Gründe dafür, warum die Synagoge als einzige des Burgenlandes einer Zerstörung durch die Nazis entging: Man befürchtete, eine Sprengung des Gebäudes könnte auch das Schloss (und einige bereits arisierte Häuser in der Umgebung) in Mitleidenschaft ziehen oder gar in Brand setzen. Aber auch wenn die Synagoge nicht unmittelbar zerstört wurde, führte natürlich die Vertreibung und Ermordung der Kobersdorfer Juden während der NS-Zeit dazu, dass das ehemalige Gotteshaus nach Kriegsende seine Funktion verlor, und über längere Zeit ungenutzt leerzustehen hat sich noch selten positiv auf ein Gebäude ausgewirkt.

So zeigt sich die Synagoge denn heute in dringend restaurierungsbedürftigem Zustand, und leider ist nicht absehbar, dass sich daran in absehbarer Zeit etwas ändert. Denn die Synagoge befindet sich im Besitz eines privaten Vereins, dem die Geldmittel fehlen, um weitreichende Renovierungsarbeiten, die über das Allernötigste hinausgehen, durchzuführen. Das Land Burgenland wäre zwar prinzipiell bereit, eine beträchtliche Summe dafür zur Verfügung zu stellen, macht aber eine Zusammenarbeit mit der Israelitischen Kultusgemeinde zur Bedingung. Das aber ist für den Besitzerverein unannehmbar, denn dieser steht mit der Kultusgemeinde quasi auf Kriegsfuß.** Kurz, eine verfahrene Situation, die dazu führt, dass ein Baudenkmal von größter kulturgeschichtlicher Bedeutung verkümmert und verfällt. Es bleibt, wie es scheint, nur zu hoffen, dass die zerstrittenen Parteien sich doch noch irgendwie zusammenraufen, um eine Restaurierung zu ermöglichen.

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* Wenn ich „die einzige“ sage, so bezieht sich das ausschließlich auf die großen öffentlichen Synagogen der Gemeinde. Wer je das Österreichische Jüdische Museum in Eisenstadt besucht hat, wird vielleicht wissen, dass es auch dort noch eine bis ins 17. Jahrhundert zurückgehende Privatsynagoge gibt, die heute Teil des Museums ist.

** Ausführlicher beschrieben ist die komplexe Situation hier, für die, die’s interessiert.

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Eine Antwort zu Synagoge, Kobersdorf (Burgenland)

  1. Alexandra schreibt:

    Lieber Christian !
    Ein gleichwohl schöner, als auch trauriger Beitrag. Zum Wohle des Bauwerkes sollten letztlich alle Streitigkeiten vergessen und die Erhaltung der Synagoge unbedingt so schnell wie möglich begonnen werden.

    Liebe Grüße
    Alexandra

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