Grabmal Leopold Ernst, St. Marxer Friedhof, Wien III

Es ist wieder die Jahreszeit, wo am St. Marxer Friedhof wunderschön der Flieder blüht, und da konnte ich nicht umhin, ihm wieder einmal einen Besuch abzustatten. Nun lohnt ein Besuch dort aber natürlich nicht nur wegen der Botanik, sondern vor allem auch wegen der vielen alten Grabmonumente, die noch erhalten sind. Der Friedhof war von 1784 bis 1874 in Verwendung, und so lassen sich dort recht schön die Veränderungen im künstlerischen Zeitgeschmack während des 19. Jahrhunderts ablesen: Sind die älteren Grabmäler noch ganz dem josephinischen und biedermeierlichen Klassizismus verpflichtet, macht sich in den späteren deutlich die zunehmende Vorliebe für neugotische Formen bemerkbar.

Eines der schönsten und auffälligsten dieser neugotischen Grabmonumente ist sicher dasjenige des Architekten Leopold Ernst (1808-1862), der auch selbst als einer der Pioniere der Neugotik im Habsburgerreich gelten kann. Von seinen Bauten ist vor allem das Schloss Grafenegg hervorzuheben, eines der Hauptwerke des romantischen Historismus in Österreich, in dem er sehr frei neugotische mit eher phantasievollen pseudo-mittelalterlichen Formen zu einer Art Märchenschloss zusammenführte. Bedeutung erlangte Ernst aber insbesondere als Dombaumeister zu St. Stephan in Wien, und es ist kein Zufall, dass dieser Titel auch prominent in seiner Grabinschrift angeführt ist. In dieser Funktion begann Ernst mit der schrittweisen Neugotisierung des Doms, indem er etwa das unvollendet gebliebene Maßwerk an den Langhausgiebeln ergänzte und die baufällige Spitze des Südturms abtragen ließ. Die Wiedererrichtung der Turmspitze erfolgte dann allerdings erst unter seinem Nachfolger Friedrich von Schmidt, da Ernst im Oktober 1862 im Alter von 54 Jahren überraschend an einer Hirnlähmung verstarb. Zumindest aus denkmalpflegerischer Sicht war das, im Nachhinein betrachtet, vielleicht gar nicht so schlecht, denn Ernst hatte für den Stephansdom große Pläne, die allerdings nach heutigen Standards mehr als bedenklich erscheinen: So hatte er vor, den Nordturm fertigzustellen, die barocke Innenausstattung durch eine neugotische zu ersetzen und die Westfassade in stilreiner Gotik zu vereinheitlichen. Anders gesagt: Die jahrhundertelange Bau- und Ausstattungsgeschichte des Doms sollte unsichtbar gemacht und durch einen nie existiert habenden, gotischen Idealzustand ersetzt werden.

Nichtsdestotrotz hat Ernst sich um die Denkmalpflege auch durchaus verdient gemacht: Er zählte zu den Gründungsmitgliedern des Vereins zur Erhaltung der Denkmale in Wien, und von 1846 bis 1848 gab er zusammen mit seinem Architektenkollegen Leopold Oescher (1804-1849) die vierteilige Publikation Baudenkmale des Mittelalters im Erzherzogtum Österreich heraus. Diese enthielt umfangreiches Plan- und Ansichtsmaterial von Bauten und Baudetails der Gotik und der Romanik und stellt den ersten Versuch einer detaillierten Bauaufnahme von Österreichs mittelalterlicher Architektur dar. Obwohl sie in erster Linie darauf abzielte, zeitgenössichen Architekten, die in neugotischen und neuromanischen Formen bauen wollten, authentisches Vorlagenmaterial zur Verfügung zu stellen, zählt diese Publikation damit zu den Gründungsmomenten der historischen Bauforschung in Österreich.

Es kann nach all dem Gesagten also nicht verwundern, dass auch im Grabmonument von Leopold Ernst Baudetails in mittelalterlichem Stil vorherrschend sind. Zwar lässt sich das Grab als Ganzes kaum einer bestimmten Architekturrichtung zuweisen, handelt es sich doch um eine eher merkwürdige freistehende Nischenarchitektur, die nach oben rundbogig abgeschlossen ist und meines Wissens in dieser Form ziemlich einzigartig ist. Die Details freilich sprechen eine eindeutigere Sprache: So zieren gotische Zwei- und Dreipassmotive in flachem Relief die rotmarmorne Rückwand, und die Basen der stabförmigen Umrahmung an der Vorderseite sind in einer Art Rautenmuster ausgearbeitet, wie es sich häufig in der Architektur der Spätgotik findet – zum Beispiel an der Umrahmung des Lacknerschen Ölbergs von 1502 am Wiener Stephansdom, einem Monument, mit dem der Dombaumeister Leopold Ernst sicher bestens vertraut war.

Das wirft nun auch die Frage auf, ob Ernst etwa selbst für den Entwurf seines Grabmals verantwortlich zeichnete. Zwar gibt es dafür, soweit ich sehe, keinerlei urkundlichen Beleg, aber zweierlei spricht meines Erachtens doch dafür: Zum einen hat Leopold Ernst nachweislich zumindest ein Grabdenkmal entworfen, nämlich jenes für Josefa Melly, geb. Groll, das 1856 in Form eines gotischen Tabernakelpfeilers am Schmelzer Friedhof errichtet wurde (und heute bei der Christ-Königskirche am Vogelweidplatz in Wien XV aufgestellt ist). Zum anderen nennt die in gotisierenden Buchstaben gehaltene Inschrift an Ernsts eigenem Grabmal als erstes den Namen seiner Frau, Eleonora, die im Jänner 1861 und somit fast zwei Jahre vor ihrem Gatten verstorben war. Geht man davon aus, dass das Grab schon damals angelegt wurde, hätte Ernst also ausreichend Zeit gehabt, selbst einen Entwurf zu liefern.

In jedem Fall aber ist es ein bemerkenswertes Grabmonument, das für Leopold Ernst als Dombaumeister und Pionier der Neugotik gleichsam maßgeschneidert ist und es verdient, beachtet zu werden, auch wenn rundherum noch so schön der Flieder und der Löwenzahn am Blühen sind. Immerhin, als ich vor ein paar Tagen dort war, hatte jemand zwei Löwenzahnblüten auf das Grab gelegt – er ist also doch noch nicht ganz vergessen, der alte Dombaumeister…

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