Palais Königswarter, Wien I

Allen, die sich einigermaßen für Kultur, Architektur und Geschichte interessieren und die in den letzten Wochen österreichische Medien konsumiert haben, wird nicht entgangen sein, dass die Wiener Ringstraße heute ihren 150. Geburtstag feiert: Am 1. Mai 1865 wurde sie in Beisein des Kaisers feierlich eröffnet. Da kann natürlich auch ich nicht umhin, in den Jubelchor miteinzustimmen und heute einen zum Anlass passenden Blog-Post beizusteuern. Wobei ich mir ehrlich gesagt ein wenig schwer getan habe, ein entsprechendes Thema zu finden, denn was 1865 eingeweiht wurde, war ja im Wesentlichen eine große Baustelle – ich wollte aber unbedingt ein Gebäude vorstellen, dass damals bereits fertig gestellt war. Damit scheiden die bekannten Prachtbauten wie Staatsoper, Rathaus, Universität etc. schon einmal aus, denn diese waren damals erst in Bau oder noch nicht einmal begonnen.

Weit fortgeschritten bzw. bereits vollendet war zum Zeitpunkt der Eröffnung lediglich der Bereich Kärntner Ring-Opernring. Es gibt ein Foto von 1863, das kurz nach dem Baubeginn der Staatsoper aufgenommen wurde: Wo heute die Oper steht, zeigt es eine riesige Baugrube, auf der anderen, äußeren Seite der Ringstraße hingegen den Heinrichshof schon kurz vor der Vollendung sowie den bereits fertig gestellten Häuserblock Kärntner Ring 2-8. Nun wurde bekanntlich gerade dieser Teil der Ringstraße im Zweiten Weltkrieg besonders stark zerstört, aber einige der auf dem Foto zu sehenden Bauten sind doch noch erhalten, darunter das Palais Königswarter (Kärntner Ring 4).

Das Palais wurde von 1860 bis 1862 vom Architektenteam August Schwendenwein (1817-1885) und Johann Romano (1818-1882) errichtet und kostete den stolzen Betrag von 300.000 Gulden, was einem heutigen Geldwert von etwa 3 Millionen Euro entspricht. Bauherr war der Bankier Jonas von Königswarter (1807-1871), der 1860 gerade erst frisch in den Ritterstand erhoben worden war, und dieser neu erworbenen gesellschaftlichen Stellung mit dem Bau des Palais unmittelbar architektonischen Ausdruck verlieh. Dieses war freilich nicht das einzige Gebäude an der neuen Ringstraße, das auf die Initiative Königswarters zurückging: Er stand als Finanzier auch hinter der Errichtung mehrerer Mietshäuser an Kärntner Ring und Opernring, die zum überwiegenden Teil ebenfalls von Schwendenwein und Romano gestaltet wurden.

Und wenn man ehrlich ist, dann erinnert auch das Palais Königswarter in seiner architektonischen Kargheit fast noch mehr an die Mietshäuser und Zinskasernen des Biedermeier als an die reich ornamentierten Prunkbauten des Historismus, die man gemeinhin mit der Wiener Ringstraße assoziiert. Gewiss, die rundbogigen Arkaden der Geschäftsfassaden im Erdgeschoß sind charakteristisch für die Palais an der Ringstraße, und im ersten Obergeschoß ist die Mittelachse durch einen Balkon und das Wappen des Bauherren merklich akzentuiert, aber im Großen und Ganzen ist die Fassadengestaltung für damalige Verhältnisse ausgesprochen minimalistisch. Weder Säulen noch Lisenen gliedern die Fassade, und zwischen den sparsam ornamentierten Fensterumrahmungen blickt einem in den oberen Geschossen die leere, ungestaltete Wandfläche entgegen. Der Gesamteindruck lässt beinahe noch an den reduzierten Klassizismus eines Paul Sprenger (1798-1854) denken, dessen Schlichtheit von den ornament-verliebten Architekten und Architekturkritikern der Ringstraßenzeit so vehement abgelehnt wurde.

Tatsächlich wurde von den Zeitgenossen auch der schlichte „Kasernenstil“ des Palais Königswarter und ähnlicher Bauten von Schwendenwein und Romano bemängelt, wie überhaupt die beiden Architekten nicht unbedingt zu den Lieblingen der zeitgenössischen Kritik zählten. Und auch das Urteil heutiger Architekturhistoriker ist zumindest nicht ausschließlich positiv, gelten Schwendenwein und Romano doch als Architekten, „die im Prinzip ihre Talente vor allem der Befriedigung privater Bauherrenwünsche widmeten, und hinsichtlich der Ausnützung der Bauparzelle die Interessen der Bauspekulanten vertraten“ (Architektenlexikon Wien 1770-1945). Gerade das Palais Königswarter am Kärntnerring bildet so etwas wie ein Paradebeispiel für diese Praxis, musste dort doch erst von der Wiener Baukommission eine Vergrößerung der Lichthöfe und eine bessere Belichtung des Stiegenhauses in das wenig bewohnerfreundliche Baukonzept hineinreklamiert werden.

Nachdem ich nun beim unschönen Thema Bauspekulation angekommen bin, muss ich wohl abschließend zugeben: Die obige Ankündigung, in den Jubelchor miteinzustimmen, habe ich vermutlich nicht ganz erfüllt. Und sicherlich zeigt auch das Palais Königswarter die Wiener Ringstraße nicht gerade von ihrer schönsten und repräsentativsten Seite – dafür zeigt es aber die Ringstraße, wie sie der Kaiser bei der Eröffnung vor 150 Jahren zu sehen bekam, und allein dafür, finde ich, verdient es unsere Beachtung.

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