Ehm. Hochofen, St. Gertraud (Kärnten)

Nachdem die Beiträge in den letzten Wochen etwas Wien-lastig waren, geht es heute wieder einmal ein Stück Richtung Westen bzw. Süden, nach Frantschach-St. Gertraud, unweit von Wolfsberg, in Kärnten. In St. Gertraud wurde schon seit dem späten Mittelalter Bergbau, vor allem Eisenabbau und -verarbeitung, betrieben, und nach mehreren Besitzerwechseln im Lauf der Jahrhunderte, waren die dortigen Werke 1846 von der schlesischen Adels- und Unternehmerfamilie Henckel von Donnersmarck erworben worden. Federführend war dabei Hugo Henckel von Donnersmarck (1811-1890), der zuvor schon die Betriebe der Familie in Schlesien – allen voran den Bergbau in Laurahütte – erfolgreich modernisiert und ausgebaut hatte. Auch in St. Gertraud ließ er rasch einen neuen Hochofen nach dem neuesten Stand der Technik errichten; der 1848 vollendete Bau bildet bis heute eines der Wahrzeichen der Gemeinde.

Dabei war der Hochofen eigentlich nur relativ kurz in Betrieb, denn schon in den 1860ern kam es zu einer Krise in der Eisenindustrie, und 1882 ließ Henckel von Donnersmarck das Eisenwerk in St. Gertraud endgültig schließen und zu einer Zellulosefabrik umbauen. Letztere besteht unter dem Namen Mondi Packaging Frantschach übrigens bis heute, und ihre riesigen Industrieanlagen bestimmen auf nicht gerade vorteilhafte Weise das Ortsbild oder mindestens die Ortseinfahrt. Im Vergleich dazu wirkt der Hochofen aus dem 19. Jahrhundert geradezu idyllisch, obwohl auch er ja letztlich ein Denkmal der Industrie darstellt: Direkt am Flussufer der Lavant gelegen, hat er beinahe die Anmutung eines mittelalterlichen Wehrturms. Präsentiert sich sein unterere Teil als massiver Pyramidenstumpf aus Hausteinen, so erhebt sich darüber ein vergleichsweise elegantes Obergeschoß aus Ziegeln, das durch Zinnen und spitzbogige Fenster im Tudor-Stil ausgezeichnet ist.

Wie schon der Name suggeriert, imitiert der Tudor-Stil eine ganz bestimmte Spielart spätgotischer Architektur, nämlich die englische Baukunst zur Zeit der Tudor-Dynastie im späten 15. und frühen 16. Jahrhundert. Gerade im frühen Historismus, um die Mitte des 19. Jahrhunderts, griff man auch in Mitteleuropa gerne auf diesen Baustil zurück – in Österreich lassen sich als Hauptwerke Schloss Grafenegg nach Plänen des hier schon letztens erwähnten Leopold Ernst sowie Schloss Wolfsberg nach Entwurf des ebenfalls unlängst genannten Johann Romano anführen. Letzteres war ab 1846 als Residenz für den oben erwähnten Hugo Henckel von Donnersmarck im modischen Tudor-Stil ausgebaut worden, sodass also der repräsentative Familiensitz und die nicht weit davon entfernte Industrieanlage in ähnlichem Design erschienen. Gut denkbar, dass sich darin einfach der persönliche Geschmack des Auftraggebers widerspiegelt (und auch, dass der Entwurf des Hochofens ebenfalls von Romano stammte, auch wenn urkundlich kein Architektenname dafür überliefert ist). Andererseits ist aber auch vorstellbar, dass es sich hier um so etwas wie frühes corporate design handelt, und dass die Wahl desselben Stils für Schloss und Hochofen ihre Zusammengehörigkeit als Besitz ein und derselben Familie sichtbar machen sollte.

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Eine Antwort zu Ehm. Hochofen, St. Gertraud (Kärnten)

  1. Gabi schreibt:

    Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass das ein Hochofen ist /war. Sieht sehr schön und interessant aus. Vielleicht hab ich in unserem Kärnten Urlaub die Gelegenheit ihn mir anzuschauen.
    LG Gabi

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