Villa Streintz, Millstatt (Kärnten)

Millstätter Villenarchitektur (I)

Passend zur Jahreszeit und zu den Temperaturen beginne ich heute mit einem Loblied auf Kärnten und die Kärntner Seen, die sich im späten 19. Jahrhundert zu beliebten Destination für den Sommerurlaub des städtischen Bürgertums entwickelten; in der Allgemeinen Bauzeitung des Jahres 1886 liest man:

„Eines der an Naturschönheiten reichsten Alpenländer der österreichischen Monarchie ist Kärnten. Der Länge nach durchzogen vom Draufluss, flankirt im Norden von der Zentralalpenkette der Tauern, im Süden von den Dolomitgebirgen der karnischen Alpen und Karawanken (…), bietet es bei günstiger geographischer Lage und gelindem Klima einen Reichthum von landschaftlichen Konfigurationen, der besonders noch erhöht ist durch die zahlreichen Becken grösserer und kleinerer See’n, in welchen die Nebengewässer der Drau ihren Jugendübermuth zum Abschlusse zu bringen gezwungen sind. In den unterschiedlichsten Höhenlagen bieten sich in diesem Lande Sommerfrischen dar, wie sie schon von den alten Römern aufgesucht waren und wie sie heutzutage, durch die Eisenbahnen begünstigt, von Norden und von Süden her von Tausenden von Städtern, vorherrschend Wienern und Triestinern besucht werden. Die Annehmlichkeiten des Wassersports, die vorzügliche Badetemperatur der Kärntner See’n bevölkert namentlich die Ufer dieser See’n mit dem zahlreichsten Sommerfrischen-Publikum. Einer der grösseren ist der Millstätter See, der, abseits der Bahnlinien gelegen, dem grössten und von der Bahn flankirten Wörther See an Frequenz noch nachsteht, während er an Grossartigkeit seiner landschaftlichen Umgebung und Annehmlichkeit der klimatischen Verhältnisse denselben übertrifft. In reizender, durch die nordseits umliegenden Hochgebirge geschützter Lage breitet sich, den nach ihm benannten See beherrschend, wie ein Edelstein in die waldigen Ufer des Seeringes gefasst, der freundliche, eine alte romanische Klosteransiedelung bergende Ort Millstatt aus.“

Hier in Millstatt entstand denn auch innerhalb weniger Jahre eine entsprechende touristische Infrastruktur aus Badeanstalten, Hotels, Gasthäusern und – für die besonders betuchten Gäste – Landvillen. Bei all diesen Bauten war man bemüht, nur ja „alle Reminiszenzen an Stadtarchitektur fern zu halten“ (um noch einmal die Bauzeitung zu zitieren). Stattdessen wählte man den sogenannten Heimatstil, der auf Formen der bäuerlich-ländlichen Baukultur – oder vielleicht besser gesagt: auf eine imaginierte Idealvorstellung derselben – zurückgriff. (In Kärnten wurde diese Art zu bauen übrigens so sehr mit den Sommerfrische- und Badeorten assoziiert, dass man sie hier auch als Wörthersee-Architektur bezeichnet – über einen einschlägigen Villenbau am Wörthersee habe ich hier ja schon vor einiger Zeit berichtet.)

Eines der schönsten Beispiele für diese Art des Bauens in Millstatt ist die Villa Streintz, die alle Charakteristika des Heimatstils zeigt: hölzerne Veranden und Balkone, weit vorkragende Dächer, das alles reich mit Schnitzereien verziert, dazu die obligaten Ecktürmchen mit ihren romantisch anmutenden spitzen Dächern, von denen eines hier sogar mit glasierten Keramikziegeln gedeckt ist. Direkt an der Uferpromenade gelegen, bieten die Fenster, Türme und Balkone der Villa natürlich auch Ausblicke auf den See. Wer diese Aussicht selbst genießen möchte, kann sich übrigens hier auch einquartieren: Die Villa dient heute als Hotel.

Ursprünglich errichtet wurde sie jedoch, wie der Name noch verrät, als Feriendomizil für Franz Streintz, der Professor für Physik an der Technischen Hochschule in Graz war. Wie bei solchen Villen nicht unüblich, waren allerdings von Anfang an auch schon Zimmer zur Vermietung an zahlende Gäste mit eingeplant – ab 1894 finden sich in der Neuen Freien Presse und im Grazer Tagblatt regelmäßig Inserate, die Sommerfrischlern den Urlaubsaufenthalt in der Villa schmackhaft machen wollen. Angepriesen werden die schöne Lage, die Badeanstalt und Kielboote direkt am Haus, die Einrichtung der Wohnräume aus Zirbenholz, die Hochquell-Wasserleitung in den Stockwerken und ab etwa 1905 auch die elektrische Beleuchtung.

Aber natürlich verbrachten auch Streintz und seine Familie den Sommer regelmäßig in Millstatt, wo der Professor zusammen mit seinem Sohn Gustav ausgedehnte Bergwanderungen unternahm. Besonders Gustav Streintz war offenbar ein begeisterter Alpinist, der auch vor schweren Besteigungen nicht zurückscheute. „Im Grazer und Wiener Ausflugsgebiete,“ heißt es über ihn, „hat [er] bemerkenswerte Klettereien vollführt und auch manche berühmte Dolomitenzinne ist von ihm führerlos bezwungen worden. Seine Lieblingsberge ragten in der Ankogelgruppe und jeden Sommer, den er in Millstatt am See verlebte, machte er vorerst der Hochalmspitze seinen Anstandsbesuch, wie er es scherzhaft nannte.“ Die so geschilderte Sommeridylle währte allerdings nicht allzu lange: Bei einer Skitour in der Venedigergruppe stürzte der erst dreiundzwanzigjährige Gustav Streintz im März 1912 in eine Gletscherspalte und zog sich dabei tödliche Verletzungen zu – die eben zitierte Stelle über seine Kletterkünste stammt aus dem Nachruf, der im selben Jahr in den Mitteilungen des deutschen und österreichischen Alpenvereins erschien.

Nun bin ich vom Loblied auf die Kärnten Seen zu einem sehr tragischen Schlusspunkt gelangt, und ich hatte ehrlich gesagt kurz überlegt, ob ich die traurige Geschichte von Gustav Streintz nicht besser weglassen sollte, um hier nicht allen die schöne Sommerstimmung zu vermiesen. Aber zu den faszinierendsten Aspekten beim Schreiben dieses Blogs zählt für mich doch immer wieder, wenn es mir – ohnehin selten genug – gelingt, nicht nur etwas über alte Gebäude, sondern auch über deren ursprüngliche Bewohner in Erfahrung zu bringen und Einblick zu gewinnen in die kleinen und manchmal, so wie hier, auch großen Dramen, die mit den Häusern in Verbindung stehen.

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