Bürgerhaus, Grein (Oberösterreich)

Schon vor einiger Zeit habe ich hier über ein spättmittelterlich-frühneuzeitliches Bürgerhaus in Grein an der Donau geschrieben, nämlich über das später als Gasthaus zum Goldenen Löwen bekannte Gebäude, das den markanten nordöstlichen Eckpunkt des Stadtplatzes darstellt. Sein Pendant am Nordwest-Ende des Platzes bildet das nun hier zu sehende Haus, das zwar annähernd gleich alt ist, dessen Fassade allerdings in der Zeit um 1900 maßgeblich verändert wurde. Die Veränderungen waren umfangreich genug, um den Unwillen der Denkmalschutzbehörde hervorzurufen – in den Mitteilungen der K. K. Zentralkommission für Erforschung und Erhaltung der Kunst- und historischen Denkmale von 1908 liest man nämlich dazu:

„Am Stadtplatze befindet sich eine Reihe altertümlicher, sehr malerisch wirkender Häuser, von welchen das Gasthaus zum goldenen Löwen mit originellem Rund-Erker besonders bemerkenswert ist. Die vor wenigen Jahren erfolgte verfehlte Restaurierung eines solchen Hauses (bei welcher man ganz stilwidrigerweise auf einen runden Erker einen spitzen Blechturm mit Krabben setzte) und die vermutlich damit in Verbindung stehende Veräußerung eines dem Vernehmen nach prachtvoll gearbeiteten schmiedeeisernen Steckschildes gibt der Z. K. [Zentralkommission] Veranlassung, mit der Gemeindevertretung in das Einvernehmen zu treten, damit diese die Eigentümer derartiger Häuser anrege, Restaurierungen und anderweitige bauliche Maßnahmen an jenen Gebäuden, welche ihrer Umgebung zur Zierde gereichen und lokalhistorische Bedeutung besitzen, nur im Einvernehmen mit der Z. K. auszuführen.“

Nun ist diese Kritik durchaus zeitabhängig und nicht mehr in allen Punkten unbedingt nachvollziehbar, denn sie basiert nicht zuletzt auf der Forderung nach Stilreinheit: Dass man einen spitze Turmhaube mit Krabbenbesatz (also ein gotisches Bauelement) auf einen Runderker (d.h. auf ein Bauelement der Renaissance) setzte, würde heutzutage aber wohl niemanden mehr ernsthaft stören, umso weniger als die Krabben im Lauf der Jahrzehnte ohnehin verlorengegangen sind. Dennoch kann man auch aus heutiger Sicht die Fassadengestaltung nicht unbedingt als gelungen bezeichnen. Das beginnt schon bei den Detailformen, die man mit viel gutem Willen als Neo-Renaissance mit leichtem Jugendstil-Einschlag definieren könnte, realistischerweise aber eher als plumpe, undefinierbare Wucherungen wahrnimmt. Das Gesamtkonzept – sofern von einem Konzept die Rede sein kann – wirkt hingegen unruhig und wirr, und der Versuch, durch drei geschossübergreifende Wandvorlagen – Pilaster wäre zu viel gesagt – so etwas wie Ordnung zu schaffen, scheitert schon an der unregelmäßigen Anordnung der alten Fensterachsen: So erwecken, vor allem im ersten Obergeschoss, die beiden mittleren Fenster einen eingezwängten Eindruck, während die äußeren als viel zu weit an den Außenrand der Fassade verrutscht erscheinen. Dass die rechte der Wandvorlagen dann noch den Verlauf des Giebels durchbricht, um überhaupt zu einem Abschluss gebracht werden zu können, ist zwar originell, erzeugt aber auch in der Dachzone ein wirres Durcheinander, das zwar auf eine reichgegliederte, romantische Wirkung abzuzielen scheint, diese aber doch nicht zustande bringt.

Freilich lässt sich über Geschmack bekanntlich streiten, und manchen wird die erneuerte Fassade wohl trotz allem gefallen. Zudem hat sie nach mehr als hundert Jahren ja mittlerweile einen gewissen Altertumswert und ist selbst schon als historisches Baudenkmal interessant und erhaltenswert. Dennoch muss ein Kritikpunkt objektiv bestehen bleiben: Der Greiner Stadtplatz besticht durch ein erstaunlich geschlossenes Ensemble alter Bürgerhäuser mit schlichten, aber eleganten frühneuzeitlichen Fassaden. Durch das um 1900 erneuerte Gebäude mit seiner überbordenden Ornamentik wird der harmonische Gesamteindruck des Platzes aufs Empfindlichste gestört, man könnte sogar sagen: zerstört. Insofern bildet die „verfehlte Restaurierung“ des Hauses am Greiner Stadtplatz auch ein Architektur-gewordenes Argument für die Sinnhaftigkeit der modernen Denkmalschutzgesetze. Denn, daran sei erinnert, am Beginn des 20. Jahrhunderts gab es in Österreich mit der Zentralkommission zwar bereits eine staatliche Denkmalschutzbehörde, doch hatte diese lediglich beratende Funktion und keinerlei rechtliche Möglichkeiten, um gegen den Willen der Besitzer den Abriss oder entstellende Umbauten historisch bedeutender Bauwerke zu verhindern. Das obige Zitat aus den Mitteilungen der K. K. Zentralkommission gibt daher auch einen interessanten Einblick in die Frühgeschichte des österreichischen Denkmalschutzes und macht deutlich, wie eingeschränkt dessen Mittel damals waren: Alles was man tun konnte, war an die örtlichen Behörden zu appellieren, damit diese ihrerseits an die jeweiligen Besitzer appellierten…

Heute hat sich die Situation Gott sei Dank wesentlich verbessert: Es gibt nicht nur ein Denkmalschutzgesetz, das die staatliche Unterschutzstellung bedeutender Objekte ermöglicht, sondern auch ein in weiten Teilen der Bevölkerung verankertes Bewusstsein für den Wert der Pflege und Erhaltung historischer Bausubstanz. Ein Bewusstsein, dass seinen Ausdruck nicht zuletzt im regen Zustrom zum alljährlichen Tag des Denkmals findet. Und auch wenn es die meisten meiner Leserinnen und Leser wohl ohnehin wissen, sei daher abschließend daran erinnert, dass der heurige Tag des Denkmals am kommenden Sonntag, 27. September, stattfindet. Das volle Programm dazu gibt es hier – mit im Programm ist übrigens auch das Stadtmuseum im alten Rathaus am Stadtplatz in Grein, aber wie aus dem zuvor Gesagten klar geworden sein dürfte, ist der Ort für Freundinnen und Freunde historischer Architektur auch sonst jederzeit einen Besuch wert.

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