Malteserkirche, Wien I

Etwa 50.000–60.000 Menschen passieren jeden Tag die Kärntnerstraße in Wien: Wie vielen von ihnen wohl die Fassade der Malteserkirche auffällt, die sich, eingezwängt zwischen Kauf- und Wohnpalästen der Gründerzeit, geradezu unscheinbar auf halbem Weg zwischen Ringstraße und Stephansdom erhebt? Tatsächlich ist das kleine Kirchlein trotz der prominenten Lage verhältnismäßig unbekannt und unbeachtet, und das obwohl es zumindest im Inneren noch sein gotisches Erscheinungsbild bewahrt hat. Der Bau stammt nämlich aus der Mitte des 15. Jahrhunderts, auch wenn man ihm das von außen nicht gerade ansieht.

Als die Kirche errichtet wurde, war der Malteserorden bereits seit mehr als zweihundert Jahren an der Stelle ansässig. Die Gebäude der Kommende erstreckten sich an der Ecke Kärntnerstraße/Johannesgasse – letztere hat davon übrigens auch ihren Namen, denn der Hl. Johannes der Täufer ist der Patron sowohl des Malteserordens als auch von dessen Kirche in Wien.

Der Ritterorden der Malteser war 1048 zum Schutz des Pilgerhospitals des heiligen Johannes in Jerusalem gegründet worden und war daher zunächst als Johanniter- oder Hospitaliterorden bekannt. Ab 1530 lag sein Hauptsitz jedoch in Malta, wovon sich der bis heute gebräuchliche Name herleitet. Von dort freilich wurden die Ordensritter 1798 durch Napoleon vertrieben. Damit nicht genug, wurde der Orden ab 1805 in den meisten europäischen Staaten im Zuge der Säkularisierung enteignet und sein Besitz von den jeweiligen Herrschern eingezogen. Die große Ausnahme bildete dabei allerdings das Habsburgerreich, wo der Orden unangetastet weiterbestand. Und genau in dieser schwierigen Zeit entschloss man sich, die Fassade der Ordenskirche in der habsburgischen Haupt- und Residenzstadt Wien in den damals aktuellen Formen des Klassizismus zu erneuern: Ein Akt, der nicht nur den Willen nach Modernisierung zum Ausdruck brachte, sondern auch von hoher Symbolkraft war und den Fortbestand der Malteser auch mit künstlerischen Mitteln deutlich, fast möchte man sagen: trotzig unterstrich.

Die Umgestaltung der Fassade erfolgte in den Jahren 1806–1808 nach Plänen von Louis Montoyer (1749–1811), einem der bedeutendsten klassizistischen Architekten Wiens, der überdies dem Kaiserhaus ausgesprochen nahestand. Aus den Österreichischen Niederlanden stammend, begann er seine Karriere in Brüssel, kam aber 1795 im Gefolge des Herzogs Albert von Sachsen-Teschen – Schwiegersohn von Maria Theresia und Begründer sowie Namensgeber der Albertina – nach Wien. Hier war Montoyer zunächst denn auch mit dem Umbau des Albertina-Palais betraut, wenig später oblagen ihm dann auch Um- und Zubauten an der Hofburg.

Montoyer etablierte in der Kaiserstadt einen Klassizismus französischer Prägung, der auch in der Fassadengestaltung der Malteserkirche zum Ausdruck kommt: Über einem hohen Sockel tragen vier kannelierte Pilaster mit plastisch ausgeformten korinthischen Kapitellen einen Architrav mit Giebelaufsatz, sodass der Eindruck eines Portikus im antiken Stil entsteht. Die Gesimse des Giebels kragen weit vor, was zur Folge hat, dass das niedrige Tympanonrelief (mit der Taufe Christi durch Johannes den Täufer) weitgehend davon verdeckt wird, wenn man die Fassade von der Straße aus betrachtet. Trotz dieses kleinen Schönheitsfehlers handelt es sich um die wohl bedeutendste streng-klassizistische Kirchenfront in Wien. Die in ihrer monumentalen Geschlossenheit überzeugende Lösung Montoyers zeigt, dass er sich keineswegs nur auf Palast- und Residenzbauten verstand, auch wenn dort der Schwerpunkt seines Schaffens lag.

In jedem Fall aber lohnt es sich, beim nächsten Einkaufsbummel auf der Kärntnerstraße auf halbem Weg innezuhalten und wenigstens einen kurzen Blick auf (und vielleicht sogar in) die Malteserkirche zu werfen…

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