Bosel-Mausoleum, Zentralfriedhof, Wien XI

Das obige Bild vom Jänner 2013 habe ich heute als eine Art virtuelle Weihnachtskarte auf meinem Fotoblog gepostet und wiederhole es hier als Weihnachtsgruß an alle Leserinnen und Leser auch dieses Blogs. Die Pointe an dem Foto ist freilich, dass die Szenerie darauf zwar an klassische Weihnachtskarten-Motive erinnert, tatsächlich aber ein jüdisches Mausoleum am Wiener Zentralfriedhof zeigt, nämlich jenes der Familie Bosel.

Das Bauwerk wurde von dem Unternehmer Leopold Bosel (1867–1933) wohl 1899, als sein Sohn Alexander erst fünfjährig verstarb, errichtet. Ein anderer Sohn Leopolds, Sigmund Bosel (1893–1942/45) stieg hingegen nach dem Ersten Weltkrieg zu einem der (zumindest kurzfristig) erfolgreichsten, aber auch umstrittensten Finanzspekulanten Österreichs auf und spielte im Wirtschaftsleben der Ersten Republik eine nicht unbedeutende Rolle. Aber auch Leopold selbst nahm zusammen mit seiner Frau Julie (1868–1925) eine wichtige Stellung im gesellschaftlichen Leben jener Zeit ein: Als letztere im April 1925 unerwartet verstarb, wurde sie etwa vom Wiener Salonblatt als bekannte Wohltäterin gewürdigt, und über ihr Begräbnis erschien sogar ein Bericht in der Reichspost; darin heißt es:

„Schon um 10 Uhr hatten sich auf dem Zentralfriedhofe derart viele Trauergäste eingefunden, daß Wache und die Hietzinger Feuerwehr, die die Totenwache hielt, den Verkehr regeln mußten. Die Zeremonienhalle konnte nur den kleinsten Teil der Erschienenen fassen. Zahlreiche humanitäre Vereine, deren Förderin die Verstorbene war, waren korporativ erschienen. Unter den Trauergästen befanden sich unter anderen Unterrichtsminister Dr. Schneider, Minister a. D. Dr. Spitzmüller, Polizeipräsident Schober mit dem Vizepräsidenten Pamer, Polizeipräsident a. D. Walldorf, der Präsident der Kultusgemeinde Generalstabsarzt Doktor Pick, zahlreiche Bankdirektoren usw. usw.“

Beigesetzt wurde Julie Bosel im Familienmausoleum, das sich in prominenter Lage gleich beim Haupttor der Alten Israelitischen Abteilung des Friedhofes befindet. Es handelt sich um einen neugotischen Zentralbau auf oktogonalem Grundriss. Diese Grundrissform hat innerhalb der Begräbnisarchitektur eine lange, bis in die Antike zurückreichende Tradition, bei den großbürgerlichen Mausoleen der Gründerzeit begegnet sie jedoch ausgesprochen selten – wohl nicht zuletzt, weil auf den modernen Friedhöfen rechteckige Parzellen vorgegeben waren.

Die acht Seiten des Bosel-Mausoleums weisen jeweils eine spitzbogige Öffnung auf, sodass fast der Eindruck eines offenen Pavillons entsteht, und werden von gotischen Wimpergen bekrönt. Reicher Bauschmuck mit Krabben, Fialen und Maßwerk, aber auch mit Wasserspeiern in Tiergestalt zeichnet diese obere Zone des Gebäudes aus und leitet zum spitzen steinernen Zeltdach über. Die großen Öffnungen der Seitenwände sind mit eleganten Eisengittern verschlossen, deren Formen in einigen Details die Motivik der Bauskulptur aufgreifen.

Leider ist für das Bosel-Mausoleum kein Architektenname überliefert, wohl aber der des ausführenden Steinmetzes: Es handelt sich um Eduard Hauser (1840–1915), der als Leiter eines riesigen Betriebes für die Steinmetz- und Bildhauerarbeiten an zahlreichen Grabbauten und -denkmälern des Zentralfriedhofs, aber auch an vielen der großen Ringstraßenbauten, wie etwa der Staatsoper, verantwortlich war.

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