Großes Michaelerhaus, Wien I

Das Große Michaelerhaus ist eines jener Gebäude, die zwar an sich recht ansehnlich sind, aber dennoch meist übersehen werden – zu groß ist in diesem Fall nämlich die Konkurrenz in unmittelbarer Umgebung: Direkt daneben die Michaelerkirche, auf der anderen Seite das Looshaus, gegenüber der Michaelertrakt der Hofburg. Wer hat da noch Augen für das zwar monumentale, aber doch eher schlichte Barockhaus an der Mündung des Kohlmarkts in den Michaelerplatz?

Errichtet wurde das Gebäude zwischen 1704 und 1710, nachdem eine Reihe kleinerer Häuser an dieser Stelle durch einen Brand zerstört worden waren. Als Architekt gilt Giovanni Battista Maderna (1652–1722), der zunächst in Böhmen tätig war, ab den 1690er-Jahren jedoch beim Barnabiten-Orden in Wien engagiert war. Diesem Orden unterstand damals die Michaeler-Pfarre, und auch das zum Kohlmarkt gelegene Portal des Großen Michaelerhauses zeigt das Wappen der Barnabiten. (Gut zu erkennen ist am Portal übrigens auch noch die alte Konskriptionsnummer aus dem frühen 19. Jahrhundert. [Update: Zu der Nummer gibt es nun unten auch einen sehr informativen Kommentar von Hausnummern-Experte Anton Tantner.])

Ansonsten ist der Bau für barocke Verhältnisse erstaunlich schmucklos, gerade die Fensterachsen sind durch Rahmungen hervorgehoben und erzeugen eine durchgehende vertikale Gliederung. Ein durchlaufendes Gesimsband zwischen zweitem und drittem Obergeschoß setzt dem allerdings ein horizontales Element entgegen und schafft gleichzeitig eine visuelle Trennung zwischen den besseren und den nicht ganz so guten Etagen. Die Einfachheit der Fassadengestaltung erklärt sich wohl nicht zuletzt daraus, dass es sich trotz der prominenten Lage nicht um einen Repräsentations-, sondern um einen Zweckbau handelte, nämlich ein Zinshaus, das den Barnabiten vor allem Mieteinnahmen bringen sollte.

Und unter diesen Mietern findet sich eine ganze Reihe prominenter Namen, zumindest in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts: So erinnert eine Gedenktafel an dem Haus daran, dass hier von 1751–1756 ein noch junger, unbekannter Joseph Haydn in einer Dachkammer logierte; eine weitere Gedenktafel verweist auf den gleichzeitig hier wohnenden Hofdichter Pietro Metastasio, der auch zahlreiche Opern-Libretti (u.a. für Gluck) verfasste und zu den frühen Förderern Haydns zählte. Das Historische Lexikon Wien (und ihm folgend das Wien Geschichte Wiki) fügen der Bewohnerliste auch noch den Namen des italienischen Komponisten Niccolò Antonio Porpora hinzu, der hier zum Lehrer Haydns wurde und vielen als dessen eigentlicher Entdecker gilt.

Weder das Lexikon noch eine Gedenktafel erinnern allerdings daran, dass das Haus zur selben Zeit auch eine prominente Bewohnerin hatte: die Komponistin und Virtuosin Marianna von Martines (1744–1812). Bereits ihre Eltern wohnten im Großen Michaelerhaus; ihr Vater stammte wie Porpora aus Neapel, hatte als Zeremonienmeister des päpstlichen Nuntius enge Kontakte zum Wiener Hof und war eng mit Metastasio befreundet. Nachdem sich das musikalische Talent der Tochter Marianna schon früh gezeigt hatte, erhielt sie ab ihrem siebten Lebensjahr Unterricht von Haydn und wurde auch von Porpora und Metastasio gefördert. Ab den 1760er-Jahren trat sie mit großem Erfolg als Komponistin in Erscheinung; sie schuf Sonaten und Konzerte für Cembalo und Klavier; Messen, Oratorien und Kantaten, die beiden letztgenannten Gattungen durchwegs zu Textvorlagen von Metastasio. 1773 wurde sie denn auch – als erste Frau überhaupt – in die angesehene Accademia Filarmonica di Bologna aufgenommen.

Auch nach dem Tod ihres Vaters verblieb die Komponistin noch bis 1782 in der Wohnung im Großen Michaelerhaus. Dort veranstaltete sie regelmäßig musikalische Soireen, bei denen sie auch selbst als Sängerin und am Cembalo bzw. Klavier brillierte. So wurde das Große Michaelerhaus dank Marianna von Martines über lange Zeit zu einem wichtigen Zentrum der Wiener „Musikszene“.

Dass Marianna von Martines heute dennoch weitgehend vergessen ist und ihr Name in der Geschichte des Großen Michaelerhauses meist ungenannt bleibt, mag viele Gründe haben, aber man kann sich doch des Eindrucks nicht erwehren, dass es nicht zuletzt am System unserer Erinnerungskulturen liegt – konkret, an deren starker Tendenz, Frauen prinzipiell nicht dieselbe Beachtung zu schenken wie Männern. Erst unlängst wurde im fernetzt-Blog auf die ungleichen, geschlechtsspezifischen Gedenkmechanismen hingewiesen, die auch heute noch dafür sorgen, dass auf Wiener Gedenktafeln Männern ein prominenterer Platz zugewiesen wird als eigentlich ebenso bedeutenden Frauen. Und in Großbritannien kam es erst letztes Jahr zu einer öffentlichen Debatte darüber, warum in den Lehrplänen von Schulen und Musikhochschulen weibliche Komponistinnen völlig fehlen, sodass der falsche Eindruck entsteht, es hätte sie nie gegeben – Marianna von Martines wurde dabei übrigens als ein prominentes Beispiel genannt…

Aber immerhin hat das Ensemble La Floridiana in den letzten Jahren gleich zwei CDs mit Musik von Martines eingespielt (Il primo amore, 2012; La Tempesta, 2015); einer Wiederentdeckung steht somit eigentlich nichts im Wege. Und vielleicht kann ja auch dieser Blogpost dazu beitragen, die zu Unrecht aus dem Gedächtnis der Öffentlichkeit verschwundene Komponistin wieder ein wenig mehr ins Bewusstsein zu rücken.

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2 Antworten zu Großes Michaelerhaus, Wien I

  1. adresscomptoir schreibt:

    Vielen Dank, das Portal dieses Hauses mit seiner Konskriptionssnummer ist ja ein Fixpunkt bei meinen Hausnummerntouren; die jetzt sichtbare Nummer 1152 ist übrigens die aus der Nummerierungsepoche ab 1820, bei der Einführung der Konskriptionssnummern 1770/71 bekam das Haus die Nummer 1182 verpasst, die dann 1795 in 1220 umnummeriert wurde. Freigelegt wurde die Nummer übrigens bei einer Restaurierung durch Martin Kupf, wobei Konskriptionsnummern oder überhaupt historische Adressierungssysteme und Denkmalschutz ein eigenes Thema ist, manchmal verschwinden Konskriptionsnummern ja noch heute… Lustigerweise habe ich für meine morgen beginnende Lehrveranstaltung genau zu dieser Station letzte Woche ein Audio eingesprochen, abrufbar unter https://www.youtube.com/watch?v=CaH4yHQ-Jw4

    • c. n. opitz schreibt:

      Wunderbar, vielen Dank! Das mit der Restaurierung finde ich besonders spannend, auch weil ich mir, ehrlich gesagt, über das Thema Konskriptionsnummern in Zusammenhang mit der Restaurierungsproblematik noch nie so wirklich Gedanken gemacht hatte – was man nicht alles übersieht, wenn man nicht eigens drauf hingewiesen wird…

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