Kunsthistorisches Museum, Wien I

Manche werden es in den Medien schon mitbekommen haben: Im Wiener Kunsthistorischen Museum läuft gerade eine Jubiläumsausstellung, die an die Eröffnung des Hauses vor 125 Jahren, 1891, erinnert. Das prachtvolle Museumsgebäude war nach einer längeren Planungsphase ab 1871 nach Entwürfen von Gottfried Semper und Carl von Hasenauer im Stil der Neo-Renaissance errichtet worden. Als würdiger Rahmen für die kaiserlichen Kunstsammlungen konzipiert, wurde es mit entsprechend großem Aufwand ausgestattet. Das manifestiert sich nicht zuletzt in der malerischen Dekoration des Inneren und im Skulpturenschmuck am Außenbau, der Zweck und Anspruch des Gebäudes bereits deutlich macht, ehe man dieses überhaupt betreten hat.

Für die Ausführung dieses Skulpturenprogramms wurde so ziemlich alles an Bildhauern herangezogen, was im Wien der Ringstraßenzeit Rang und Namen hatte: Edmund Hellmer, Carl Kundmann, Viktor Tilgner, Rudolf Weyr, Caspar Zumbusch. Sie verwirklichten ein figurales Programm, das – freistehend als Attikafiguren, eingestellt in Nischen oder als Reliefs an der Fassade – gleichsam einen Schnelldurchlauf durch die gesamte Kunstgeschichte, von den Anfängen in der Antike bis zur Gegenwart des 19. Jahrhunderts, bietet. Dargestellt sind bedeutende Künstler und bedeutende Mäzene, Personifikationen der wichtigsten Kunstzentren und der verschiedenen Kunstgattungen, aber auch abstraktere, allegorische Figuren, die – so Semper – auf die mythologischen und religiösen Grundlegungen der Künste sowie auf die „Beseelung und Belebung des Stofflichen durch Poesie und Kunst“ verweisen sollen. [Vgl. Die k. k. Hofmuseen in Wien und Gottfried Semper. Drei Denkschriften Gottfried Sempers, hrsg. von seinen Söhnen, Innsbruck 1892, S. 54-55.]

Ergänzt wird das Ganze noch durch die geradezu obligatorischen Embleme des habsburgischen Kaiserhauses und Inschriften, die die Inhalte der Darstellungen verdeutlichen.

Auffällig ist, dass vor allem bei mehreren der Künstlerfiguren auf der Attikabalustrade eine Formensprache gewählt wurde, die der repräsentierten Epoche angepasst erscheint. Am deutlichsten ist dies bei den „Porträts“ der altgriechischen Künstler: Sie zeigen klare, strenge Formen, die gleichermaßen monumental wie archaisch wirken und damit den Stil der antiken griechischen Klassik widerspiegeln.

Stammte der Gesamtentwurf des figuralen Programms auch von Semper, so kam es im Detail doch zu einigen Abweichungen von seinem ursprünglichen Konzept. Vor allem der Leiter des Münz- und Antikenkabinetts, Eduard von Sacken, reklamierte einige Änderungen, von denen die meisten auch umgesetzt wurden. Allerdings wurde keineswegs allen seiner Einwände stattgegeben: So hätte er unter den bedeutenden Kunstzentren neben Städten wie Athen, Rom oder Venedig gerne auch Düsseldorf aufgenommen gesehen, doch scheiterte dieser Vorschlag am Veto des Baukomitees. Im Nachhinein betrachtet, war das wohl die richtige Entscheidung, denn wenngleich die Düsseldorfer Malerschule im 19. Jahrhundert große Berühmtheit genoss, war ihr Ruhm doch nicht von Dauer.

Stieß sich Eduard von Sacken an Details des inhaltlichen Konzepts, so hatte sein Kollege Albert Ilg, Leiter der Sammlung von Waffen und kunstindustriellen Gegenständen, weit grundlegendere Bedenken gegenüber dem Skulpturenschmuck. In einem zwei Monate nach der Eröffnung des neuen Museums gehaltenen Vortrag über „Das Kunsthistorische Hofmuseums-Gebäude als modernes Architekturwerk“ äußerte Ilg die folgende, durchaus polemische Kritik:

„Was die Decoration anbelangt, erlaube ich mir Eines zu bemerken. Ich habe früher schon gesagt, dass ich frei und offen meine Ansicht ausspreche. Da bekenne ich denn nun ganz aufrichtig – und ich habe es auch Hasenauer schon ausgesprochen – dass ich Eines, nämlich die programmatische Durchführung des Skulpturenschmuckes an den Fassaden nicht immer nach meinem Sinne finde. (…) Ich bin nämlich kein Freund des bei dem modernen Gebäudeschmuck so beliebten historischen Vorreitens des Innern am Aeussern. Es liegt etwas so Doctrinäres, so schaal Lehrhaftes darin, dass wir beim Anblicke eines Kunstwerkes an der Aussenseite immer schon von dem Inhalte desselben Rechenschaft empfangen sollen. So ist hier in den mannigfachen Gebilden die ganze Kunstgeschichte von der Arche des Noah bis auf Schwind und Führich katalogisirt. Wo man sich bei diesem Programm nicht mehr historisch zu helfen wusste, hat man philosophische Ideen plastisch dargestellt und schliesslich, da noch Raum übrig blieb, in allegorischen Figuren gar noch die bedeutendsten Städte, in denen die Kunst geblüht hat, als Damen hinaufgestellt. (…)

Es ist so recht der neudeutsche Schulmeistergeist, der da immer sein ganzes encyklopaedisches und polyhistorisches Wissen zeigen möchte und uns damit – langweilt. Noch unkünstlerischer ist das Aufschreiben von Namen an die Gebäude, was mich immer an die alten Locomotiven der Nordbahn erinnert, welche ‚Stephenson‘ und ‚James Watt‘ betitelt waren. Und ist ein solches Gebäude denn eine Menagerie, an deren Aussenseite die Klapperschlangen und Tiger abgemalt sein müssen, die man innen in natura zu sehen kriegt?“ [Albert Ilg, Das Kunsthistorische Hofmuseums-Gebäude als modernes Architekturwerk, Vortrag gehalten im Niederösterreichischen Gewerbevereine am 18. December 1891, Wien 1892, S. 9-10.]

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet Ilg selbst nur wenige Jahre nach diesem Vortrag, 1895, den Programmentwurf für das Skulpturenprogramm an der Neuen Burg lieferte. So gesehen sollte man sich seine Polemik also vielleicht nicht allzu sehr zu Herzen nehmen – und beim nächsten Besuch des Kunsthistorischen Museums vielleicht doch auch dem meist wenig beachteten Skulpturenschmuck am Außenbau ein wenig Aufmerksamkeit zukommen lassen…

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Wien abgelegt und mit , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Kunsthistorisches Museum, Wien I

  1. AndreasP schreibt:

    Wer sich die Figuren etwas genauer anschauen will, kann die Fotos und deren Beschreibungen in den Wikimedia Commons nutzen: https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Kunsthistorisches_Museum,_figures

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s