Geschäftsfassade, Wien VI

Vom Gegenstand des vorigen Beitrags, dem Kunsthistorischen Museum, zu dem des heutigen ist es inhaltlich wie topographisch nur ein kleiner Sprung: Die alte Geschäftsfassade liegt nur 500 Meter vom Museum entfernt in der Capistrangasse und auch sie ist ein Beispiel dafür, wie Skulpturenschmuck am Außenbau die Funktion des Gebäudeinneren veranschaulichen sollte. Gut, an diesem Punkt enden die Gemeinsamkeiten dann auch schon wieder, denn vom ausgeklügelten, aufwändig ausgeführten Figurenprogramm des habsburgischen Hofmuseums ist das heutige Beispiel weit entfernt. Vielmehr handelt es sich um die Schaufront einer ehemaligen Fleischerei, an der eine Reihe von Tierköpfen die hier erhältlichen Fleischsorten repräsentiert: Von den fünf Keramik-Reliefs zeigen drei einen Rinderkopf, je eines zeigt einen Schweins-, respektive einen Schafskopf.

Entstanden ist die Dekoration wohl um 1905 für den damals hier ansässigen Fleischhauer Franz Kantner. Ausgeführt wurde sie von den Experten für Baukeramik im Wien der Belle Époque, den Brüdern Schwadron. Deren oft prachtvoll ornamentiere Wand- und Bodenverfliesungen prägen nach wie vor viele Wiener Altbauten und wurden erst in den letzten Jahren durch ein interaktives Ausstellungsprojekt wieder verstärkt ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt.

Wie die meisten Werke der Brüder Schwadron enthält die Fleischereifassade in der Capistrangasse eine Signaturfliese, die eine zweifelsfreie Zuschreibung erlaubt. Das ist in diesem Fall besonders wichtig, da gerade diese Wandverkleidung innerhalb ihres (erhaltenen) Oeuvres in mancherlei Hinsicht eine Ausnahme darstellt: Sie kommt gänzlich ohne die sonst übliche Ornamentik aus, enthält stattdessen aber die stark plastisch ausgeformten Reliefs als Zierelemente.

Den Hintergrund für die Tierköpfe bilden hier glatte weiße Fliesen, der Sockel sowie Tür- und Fensterrahmungen sind hingegen in dunklem Grün verfliest. Interessanterweise findet man ganz ähnliche grün-weiße Verfliesungen auch an englischen Metzgereien derselben Epoche – Philip Wilkinson hat vor ein paar Monaten auf seinem English Buildings Blog darüber geschrieben und auch auf Tierdarstellungen als Fleischereidekor hingewiesen. Wie es scheint, gab es damals also so etwas wie internationale Standards oder Moden, wenn es darum ging, den Kunden eines Fleischhauers dessen Produkte näherzubringen. Falls jemand vielleicht weitere Beispiele aus Österreich oder seinen Nachbarländern kennt, würde ich mich über entsprechende Hinweise sehr freuen.

 

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