Ehm. Bauernhaus, Wien XVI

Wie die meisten alten Vororte Wiens wurde das Bauerndorf Ottakring im Lauf des 19. Jahrhunderts von der wachsenden Stadt quasi verschluckt. Große Zinshäuser und Industriebauten prägen dort seither das Straßenbild, doch ab und zu kann man dazwischen auch noch eines der alten Weinhauerhäuser entdecken. Das bekannteste darunter ist sicher die 10er Marie, der angeblich älteste Heurige Wiens, direkt bei der jetzigen Endstation der Tramwaylinie 2. Jenes, um das es im heutigen Beitrag geht, findet sich nur wenige Meter stadtauswärts davon an der Ottakringer Straße: Es ist ein schlichtes eingeschossiges Haus mit Giebelfront zur Straße. Der obere Teil des Giebelfelds ist durch eine Holzverkleidung gleichzeitig geschützt und hervorgehoben.

Auffällig ist allerdings das dazugehörige Hofportal, das offenbar aus der Ringstraßenzeit stammt. Aus großen Rustika-Quadern bestehend und mit markantem Keilstein über dem Torbogen, greift es deutlich die Bautraditionen des Historismus auf. Obwohl ein Relief mit Weintrauben über dem Portal den bäuerlichen Kontext betont, hat dieser Torbau doch etwas ausgesprochen Herrschaftliches und auf geradezu paradoxe Weise auch etwas Städtisches an sich.

Diese Wirkung beruht nicht zuletzt freilich auf dem anscheinend ganz neuen, eleganten weißen Verputz. Das zeigt vor allem ein Vergleich mit älteren Fotos des Gebäudes. Bis vor kurzem nämlich befand sich darin eine Gaststätte, zunächst lange ein Heurigenlokal, zuletzt dann ein Restaurant, und die Fassadengestaltung war in dieser Zeit eine gänzlich andere als heute: Ähnlich wie bei der 10er Marie dominierte ockerfarbener Verputz, während die hölzernen Teile in dunklem Grün gestrichen waren. Das Traubenrelief war in naturalistischen Farben bemalt und dichter Pflanzenwuchs überwucherte große Teile der Hausfassade. Insgesamt wirkte das Ganze damit wesentlich uriger und – ländlicher.

So macht der Blick auf dieses alte Ottakringer Bauernhaus vor allem auch eines deutlich: dass Farbgebung auch in der Architektur ein nicht zu unterschätzendes Ausdrucksmittel ist, das die Wirkung eines Bauwerks oft ganz wesentlich mitbestimmt. Auf jeden Fall aber handelt es sich um ein interessantes, sehenswertes Gebäude, das einen Besuch in Ottakring durchaus lohnenswert macht…

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