Rathaus, Spital am Semmering (Steiermark)

Wie viele Orte in der Semmering-Region erlebte Spital in den Jahren um 1900 durch den zunehmenden Tourismus das, was man gemeinhin als Blütezeit bezeichnet. „Ein hübscher Ort, elektrisch beleuchtet, mit schon sehr lebhaftem Verkehr“, bemerkt eine Beschreibung von 1910 und fährt fort: „Spital ist mit Wien in ausgezeichneter Weise verbunden; für Sommerfrischler besonders wertvoll ist der zwischen Wien und Mürzzuschlag im Sommer täglich verkehrende Semmering-Blitzzug, der mit außerordentlicher Beschleunigung die Strecke zurücklegt (…).“

In dieser Situation kann es nicht verwundern, dass es – neben dem Ausbau der touristischen Infrastruktur – in Spital 1906 zum Bau eines neuen, repräsentativen Rathauses kam. Als Architekt engagierte man einen Schüler Otto Wagners aus Wien, auch wenn die Wahl (zufällig oder bewusst?) auf einen gebürtigen Steirer fiel, nämlich auf Paul Gütl (1875–1944). Das 1907 fertiggestellte Rathaus am Semmering war Gütls erste Arbeit als selbständiger Architekt und zeigt noch deutlich den Einfluss seines Lehrers: Elemente wie das weit auskragende Dach oder die monumentale, geschoßübergreifende Pilasterordnung an der Hauptfassade sind für die Wagner-Schule typisch.

Die Monumentalität der Fassade wird allerdings durch die Gliederung mittels Bandrustika, die sogar die Pilaster einschließt, konterkariert, sodass ein eher kleinteiliger Eindruck entsteht. Dieser wird noch bestärkt durch die Auflösung der Baumasse an der (von der Straße aus gesehen) rechten Seite des Gebäudes, wo mehrere kleinere Baukörper hinter- bzw. übereinander gestaffelt wurden. Auch die prägnante Farbgebung mit rosa und hellblauen Akzenten erzielt eine „liebliche“ Wirkung, die den monumentalen Tendenzen entgegensteht. Der Naturstein-imitierende Sockel, der das Gebäude trägt, verleiht dem Ganzen schließlich auch noch eine leicht rustikale Note, wie sie der alpinen Umgebung angemessen erscheint.

Trotz aller Bezüge zu Otto Wagner hat Gütl hier also einen höchst eigenständigen, um nicht zu sagen eigenwilligen Bau geschaffen, in dem sich bereits die weitere Entwicklung seines Werks anzukündigen scheint: In seinen späteren Bauten zeigt Gütl deutliche Tendenzen zu den romantisierenden Formen des Heimatstils. Die Ambivalenz, die sich im Rathaus von Spital am Semmering abzeichnet, entspricht aber in gewisser Weise genau dem, was um 1900 bei Rathausbauten im ländlichen Raum gefragt war: Einerseits wollten die Stadtväter Fortschrittlichkeit demonstrieren und griffen dazu die aktuellen Formen des Jugendstils auf – andererseits sollte das Resultat aber auch nicht zu modern und städtisch wirken.

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